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Frauenmark Happy End für sieben verwaiste Igelbabys

Von Christiane Großmann | 11.10.2020, 17:50 Uhr

Vivien Bremer und Emily Grimm kümmern sich seit Wochen um mutterlosen Igelnachwuchs. Die Tiere machen sich prächtig.

Sonntag, 14 Uhr, Fütterungszeit in der Igel-Adoptionsstelle in Frauenmark: Vivien Bremer und Emily Grimm ziehen sich Gartenhandschuhe an, öffnen eine Warmhaltebox aus Styropor und fischen sieben stachlige Gesellen aus dem dichten Heu-Nest hervor. Die Igelbabys schmatzen am Napf unter der Wärmelampe possierlich drauflos. Sie legen einen gesunden Appetit an den Tag.

Brei aus Gourmetpastete für Katzen

Zurzeit schlecken sie am liebsten einen Brei aus Gourmetpastete für Katzen. Zusätzlich wird ein frisches Ei, natürlich aus eigener Haltung, untergerührt. „Da stehen sie regelrecht drauf und bekommen gleich noch alle Mineralien mit“, erklärt Marianne Grimm, während sie das Gourmetfressen mit dem Pürierstab in die richtige Konsistenz bringt. Ab und zu gibt sie auch ein paar Mehlwürmer hinein. Emilys Oma und die beiden 17-jährigen Nachbarskinder wechseln sich regelmäßig mit dem Küchendienst ab.

In den vergangenen Tagen prächtig zugelegt

Nach dem „Hauptgang“ gibt es meist einen kleinen Nachschlag – Katzentrockenmilch aus der Spritze. Dann geht es auf die Waage. Die kleinen Igelkinder müssen in den nächsten Wochen noch einiges an Gewicht zulegen, um auf mindestens 500 Gramm zu kommen, damit sie in ihrer Styroporbox, die in einem ehemaligen Hasenstall an einem geschützten Standort steht, gut über den Winter kommen. Zwischen 180 und 277 Gramm hatten sie am Sonntag auf den Igelrippen. Damit fraßen sich die Igelbabys, die bereits ordentlich zahnen, innerhalb einer guten Woche zwischen 90 und 116 Gramm an. Als sie adoptiert wurden, wogen sie federleichte 60 bis 80 Gramm.

Der Kleinste von den Sieben hatte eine Wunde am Ohr

Dass die Siebenlinge überhaupt noch am Leben sind, grenzt an ein kleines Wunder und ist der geduldigen Tierliebe von Vivien und Emily zu verdanken. Vor allem um den Schmächtigsten mussten sich beide lange Zeit große Sorgen machen: Der Schwächling hatte eine Wunde am Ohr, eigentlich das Todesurteil. Vivien und Emily gaben ihn nicht auf. Sie behandelten die Entzündung regelmäßig mit Desinfektionsmittel sowie einer mit Wasser verdünnten Jodlösung.

Erst Tage später zwei weitere Jungtiere entdeckt

Vor wenigen Wochen entdeckten die beiden befreundeten Nachbarskinder die Igelwaisen zufälligerweise an einer Hecke am Grundstück. Zunächst dachten sich Vivien und Emily gar nichts dabei, als die geschätzt zwei Wochen alten Tierbabys über den Rasen krabbelten. In vorbildlicher Manier hielten sie sich zunächst von den Tierkindern fern. Als nach mehr als 24 Stunden immer noch keine Igelmutter in Sicht war, begannen sie sich fürchterliche Gedanken zu machen. Am 18. September gegen Abend adoptierten Vivien und Emily schließlich fünf Igelwaisen, drei von ihnen hatten sogar noch die Augen geschlossen. Ein paar Tage später blieb den Igelretterinnen von Frauenmark fast das Herz stehen: In dem Nest tief unter der Hecke fanden sie noch zwei weitere Jungtiere.

Durchschnittlich fünf Stunden täglich im Igeleinsatz

Seitdem hat sich der Alltag der Schülerinnen komplett verändert. Denn die Pflege und Versorgung der Siebenlinge nimmt täglich zwei Menschen bis zu fünf Stunden in Anspruch. Außerdem sind Emily und Vivien noch Besitzer von zusammen drei Hunden, die ihren regelmäßigen Auslauf verlangen. Und auch die Schule fordert ihr Recht: Emily steht vor dem Abitur am Friedrich-Franz-Gymnasium, Vivien besucht die 11. Klasse am Regionalen Beruflichen Bildungszentrum in Parchim.

Nachts ein Teller mit Leckerlis im Hasenstall

Um bei der Aufzucht der Igelbabys alles richtig zu machen, haben die Schülerinnen nicht nur stundenlang im Internet recherchiert. Sie stehen auch im Austausch mit einem Tierarzt. Wenn Vivien oder Emily zum Beispiel schulisch eingebunden sind, übernimmt Marianne Grimm den Fütterdienst. Zum Glück konnte die Zahl der Mahlzeiten mittlerweile von vier auf drei reduziert werden. Sie werden zwischen 7 und 8 Uhr, gegen 14 Uhr sowie abends zwischen 19 und 20 Uhr verabreicht. Zusätzlich steht für die nachtaktiven Tiere immer ein Tellerchen mit „Leckerlis“ im Hasenstall, die morgens komplett aufgeputzt sind.

Igelwaisen sollen für das Leben in der freien Natur fit werden

Ganz zu Anfang wurden die Waisen sogar mit richtiger Muttermilch aufgepäppelt. Eine stillende Mutter aus der Bekanntschaft gab sie ab. Später stellten die Tierretterinnen auf Ersatzmilch für Katzenbabys um, die speziell für sehr schwache Tiere entwickelt wurde. Bis vor kurzem konnten die Siebenlinge noch viele spätsommerliche Stunden im Freien auf dem Rasen verbringen, wo sie auch einen Rückzugsort haben. Damit die mittlerweile ziemlich mobilen und neugierigen kleinen Racker nicht stiften gehen, wurde ihr Revier vorsorglich eingezäunt. Tierliebe geht allerdings auch ans Taschengeld. Futter, vor allem Spezialnahrung, Mittelchen zum Entfernen von Flöhen und Zecken - alles hat seinen Preis. Doch Vivien und Emily ist nichts zu teuer, um ihre Igelwaisen für ein Leben in der freien Natur fit machen.