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Keramikwerkstatt der Produktionsschule Westmecklenburg Die Zeitenspringer von Greven

Von Bernd Möschl | 29.11.2012, 09:52 Uhr

Die Schüler der Keramikwerkstatt der Produktionsschule Westmecklenburg bauten den historischen Gutspferdestall in Greven maßstabgetreu als Modell nach und ernteten dafür Anerkennung beim Landesgeschichtstag.

Wie es so dasteht in der Keramikwerkstatt der Produktionsschule Westmecklenburg, entfaltet das rotbraune Modell schon eine gewisse Aura. Mit der Furore, welches ihr Projekt "Zeitensprünge" beim jüngsten Landesgeschichtstag Mecklenburg-Vorpommerns im Schweriner Schloss machte, hatten seine Schöpfer allerdings kaum gerechnet. Dabei reichte und reicht die Anerkennung ihrer Arbeit inzwischen weit über die Abgeordneten und Gäste des Landtags MV hinaus (SVZ berichtete).

Wie und warum der originalgetreue Nachbau des historischen Gutspferdestalls von Greven (der heute die Keramikwerkstatt und das Betreute Wohnen der Produktionsschule beherbergt) im Maßstab 1 : 2500 erfolgte, erfährt man am besten von den jugendlichen Schöpfern selbst und ihrem engagierten Werkstattpädagogen Jörg Wurlich. Gemeinsam hatten sie es als "gute Idee" empfunden, der Geschichte ihres offenkundig schon ziemlich alten - aber eben auch unter entscheidender Mitwirkung von Lehrlingen des Jugendfördervereins Parchim-Lübz denkmalgerecht sanierten und umgebauten - Domizils nachzuspüren.

Und was lag den Produktionsschülern des Werkstattbereichs Keramik näher, als sich ans maßstäblich verkleinerte Nachmodellieren dieses Gebäudes zu wagen. Schließlich gab es schon einschlägige Erfahrungen u. a. mit einzelnen charakteristischen Bauten der Gemeinde Granzin, die z. B. bei Dorfjubiläen prima angekommen waren. Dies allerdings würde allein wegen der Statik "ein ganz anderer Brocken" als das bisherige Zusammensetzen und Dekorieren von Platten, welche sich durch Ausrollen und Zuschneiden geschmeidig gekneteten Töpfertons noch relativ einfach herstellen ließen. Abgesehen davon hätte allein die schiere Größe ( 150 x 50 x 60 Zentimeter) die Kapazität jedes erreichbaren Brennofens gesprengt, der bisher stets das gesamte Keramik-Modell verfestigte.

Einer Lösung des Problems kamen die Grevener schließlich bei einem Informationsbesuch in der "Miniaturstadt Schwerin" näher, wo die Gebäudemodelle aus kunststoffbeplankten Holzgestellen unter freiem Himmel stehen. "Außenhaut aus Plastik kam für uns nicht in Frage", erklärte Wurlich, zumal auch die Produktionsschule Westmecklenburg ihre einstige Kunststoffverarbeitung bereits kurz nach dem Start 2005 auf Anraten des Wirtschaftsbeirats als "nicht ins regionale Profil passend" wieder aufgegeben hatte.

Der ehemalige Pferdestall zeigt sich original in Holzfachwerk, welches mit roten Backsteinen ausgemauert ist, und das Dach besteht aus Tonziegeln. "All dies sind Materialien, die im Kleinen auch von uns zu stemmen sind", meinten die Produktionsschüler und holten sich für das Tragwerk und die diffizilen Dachgauben Rat und Hilfe von der benachbarten Holzwerkstatt.

Maßnehmen, Rechnen und Zeichnen machte gemeinsam an diesem Projekt sogar Spaß, ließen vormalige Schul- bzw. Ausbildungsabbrecher "gucken". Beim Formen und "Verkratzen" (Kanten glätten) der miniaturisierten Mauerziegel, Dach- und Firststeine - immerhin zusammen 9000 Stück - in Handarbeit wurden echte persönliche Ausdauerrekorde aufgestellt. Und damit war es ja nicht getan, denn die bei 900 °C gebrannten Ziegel-Einzelteile mussten schließlich noch mit dem zuvor zusammengefügten und angestrichenen Gestell Stück für Stück passgenau verklebt werden, bis das Modell fertig war.

Franziska, Jan, Vicky, Alexander, Sebastian, Anne, Michel und Willy - die beteiligten Produktionsschüler - hätten sich dabei richtig ins Zeug gelegt, bestätigt ihr Teamleiter und resümiert insgesamt 2300 Arbeitsstunden, in denen allerdings nicht nur die 30 Kilogramm roter Ton und zwei Kilo Heißkleber verarbeitet wurden. Denn ein gewichtiger Teil des Projekts "Zeitensprünge" war zudem die Recherche und Darstellung eben jener wahren und greifbaren Geschichte, in der dieser ehemalige "Pferdestall zur Keramikwerkstatt" geworden war.

Die 15- bis 18-Jährigen tauchten dabei zunehmend interessiert in Zeiträume ein, die seit urkundlicher Ersterwähnung des Ortes Greven um das Jahr 1324 ihre bisherige Lebensspanne um etliche Vielfache übertraf. Im Internet, aber auch diversen Dokumenten insbesondere des Grevener Ortschronisten Günter Schlegel sowie der eigenen Schule und ihres Trägervereins, ja sogar in Sagen aus Mecklenburg wurden sie fündig.

Heraus gekommen ist ein kurzer, informativer Abriss des geschichtsträchtigen Zeitraums von immerhin fast 700 Jahren, dem nicht nur historische Bilddokumente besondere Anschaulichkeit verleihen. Michel - einer der beteiligten Produktionsschüler (gerade mal seit 3 Monaten in Greven) - hatte Kontakt zu Nachfahren der letzten Besitzer des Gutes Greven aufgenommen, welche sich bekanntlich sehr für das Heute am Ort interessieren (SVZ berichtete 2011 von einem Familientreffen).

Eine Abschrift des persönlich an Michel, seine Kameraden und Lehrer gerichteten Antwortbriefes von Dr. Roland Knebusch aus Baden-Württemberg ziert nicht umsonst die selbst gestaltete Schautafel der "Zeitenspringer". Das Projekt fände er sehr interessant, heißt es darin. Ganz Greven sei ein Produkt solcher zeitlichen Sprünge.

Das damalige Rittergut war über Jahrhunderte durch die Familien v. Stralendorff, v. Plessen und eben jene mit diesen verwandte Familie Knebusch geprägt worden. In dem um 1740 erbauten Pferdestall hatte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine berühmte Aufzucht von Warm- und Vollblütern ihre Heimstatt, aus der nach Kriegsende u. a. mit dem Hengst "Allard" in Redefin wohl die besten Zuchtpferde der DDR hervorgingen. Bilder aus dem Familienalbum der Knebuschs mit teilweise sehr persönlichen Kommentaren bereichern die Dokumentation der jugendlichen Grevener "Zeitenspringer". Dadurch wirkt das Projekt so überzeugend und anschaulich, dass die Produktionsschule derzeit dabei ist, ihm im Hauptgebäude, dem einstigen Gutshaus, einen dauerhaften Ehrenplatz einzuräumen. Ein schöner Ansporn!