Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Parchimerinnen auf dem Jakobsweg Den Kopf frei gewandert

Von CHGR | 28.12.2016, 05:00 Uhr

Einfach überwinden und loslaufen: Steffi Schröder und Cordula Hohmann nahmen sich eine Auszeit

Raus aus der Komfortzone, rein in die Wanderschuhe: Steffi Schröder und Cordula Hohmann aus Parchim haben in diesem Jahr etwas gewagt, was für viele ein ungelebter Traum bleibt. Sie pilgerten gemeinsam 15 Tage auf dem spanischen Küsten-Jakobsweg (Camino del Norte) von Gijon nach Santiago de Compostela. In dieser Zeit bewältigten sie insgesamt 347 Kilometer, davon 250 bis 270 effektiv zu Fuß.

Zwar sind die beiden Frauen inzwischen längst wieder im ganz normalen Alltag angekommen, doch mit in ihr neues altes Leben als Unternehmerin bzw. Büroleiterin im Parchimer Ehrenamtsbüro haben sie vor allem eines hinübergerettet: „Ich bin innerlich ruhiger und gelassener geworden“, stellt Cordula Hohmann (54) an sich fest. „Man lebt bewusster. Ich stelle mir häufiger die Frage: Brauche ich das oder nicht“, sagt Steffi Schröder, die kurz nach ihrer Rückkehr in Parchim ihren 50. Geburtstag feierte.

Dass sie den strapaziösen und immer wieder auch emotional aufwühlenden Trip auf Schusters Rappen gemeinsam in Angriff genommen haben, ist eher einem Zufall geschuldet: Cordula Hohmann beschäftigte sich bereits länger mit dem Gedanken, eine Strecke auf dem Jakobsweg zu gehen. Nachdem ihr Weihnachten 2015 dann zum zweiten Mal der Bestseller „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling in die Hand fiel und sie später auch die Kinoversion sah, ging ihr der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, sich mal Zeit für einen Ausstieg zu nehmen. Sie begann sich in einschlägigen Foren sogar schon nach Mitpilgern umzuschauen. Dann erzählte sie Steffi Schröder ganz nebenbei von dem Vorhaben und die sagte spontan: „Da würde ich mitmachen.“

Als sie im Februar ihren Flug buchten, besaß Cordula Hohmann noch nicht mal einen Rucksack. Die erste Probewanderung unternahmen sie im Mai auf einem mecklenburgischen Pilgerweg. Sie führte 15 Kilometer von Kossebade nach Parchim. Vier Wochen später nahmen sie bei Gluthitze und mit voll gepacktem Rucksack eine 20 Kilometer lange Distanz in Angriff. „Da wurde mir richtig bewusst, was noch kommen kann“, sagt Steffi Schröder. Und sie lag richtig mit diesem Gedanken.

Als größte Herausforderung erwies sich für die beiden Pilgerinnen übrigens nicht – wie man vielleicht vermuten könnte – die Beschränkung auf das Notwendigste: Aber sich jeden Tag aufs Neue durchbeißen zu müssen und die Bushaltestellen links liegen zu lassen, sei für sie die schwierigste Prüfung gewesen, zumal auch das Wegprofil mit vielen Steigungen für Nordländer ein ungewohntes Terrain ist.

Vor diesem Hintergrund war das Herunterschrauben der eigenen Ansprüche dann wirklich kein Problem mehr gewesen: „Wenn man 20 Kilometer gelaufen ist, ist man mit der Welt einfach nur noch fertig und möchte seine Ruhe haben. Da ist man froh, am Ende des Tages ein Bett zu haben, auch wenn man den Schlafsaal in der Pilgerherberge mit 47 anderen Menschen aus aller Herren Länder teilt“, schildert Cordula Hohmann.

Die quälende Frage, ob sie am Abend überhaupt einen Schlafplatz abbekommen würde, stellte sie sich am dritten Tag ohnehin nicht mehr: „Ich habe das dann irgendwann komplett ausgeblendet und gespürt, der Weg gibt einem, was man braucht genau zur richtigen Zeit.“

Zu den eindrücklichsten Erlebnissen zählen Cordula Hohmann und Steffi Schröder neben dem Besuch der Pilgermesse in Santiago de Compostela als spirituellen Abschluss ihrer Reise den Aufenthalt im Kloster Sobrado. Die Schlafkammern für die Pilger befinden sich in den gemauerten Gewölben der Klosteranlage aus dem 10. Jahrhundert. „Die Atmos-phäre in dem alten Gemäuer ging so unter die Haut, dass ich es nie mehr im Leben vergesse“, beschreibt Steffi Schröder diese Situation. Dass sie nach einer Pilgerwoche dann auch bewusst die Umgebung wahrnehmen konnte, sei für sie ebenfalls eine der schönsten Erfahrungen gewesen. Der Verzicht auf Komfort fiel den beiden Pilgerinnen aus Parchim im Nachhinein einfacher, als zunächst vermutet.

Während Steffi Schröder sich als „Luxusgut“ ein zweites kleines Handtuch für die Waschtasche im Gepäck genehmigte, hatte Cordula Hohmann ein aufblasbares Kopfkissen dabei – und es überhaupt nur einmal benutzt. Beim Schultern des Rucksacks wurde ihnen dennoch an jedem Morgen aufs Neue schmerzlich bewusst, dass es mit 10,9 bzw. 10,2 Kilogramm Marschgepäck + Wasser und Essen kein leichter Weg wird.

Auf dem sehr gut ausgeschilderten Küstenweg, den Steffi Schröder und Cordula Hohmann wählten, sind Pilger in den Dörfern gern gesehen: Vielerorts stehen für sie am Wegesrand Obst, Wasser und Zitronen „for free“ bereit. Überhaupt sei auf diesem Pfad, der als einer der ältesten Jakobswege überhaupt gilt, noch nichts vom Kommerz wie auf anderen Routen zu spüren. Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei beim landestypischen süßen Frühstück für 1,80 Euro einfach nicht zu toppen. Ins Schwärmen geraten die beiden Mecklenburgerinnen, wenn sie an die abendlichen Pilgermenüs denken: Drei Gänge einheimischer Hausmannskost inklusive Wein und Wasser kosteten nie mehr als 8 bis 10 Euro. In einigen Herbergen wurde auch gemeinsam gekocht: So bereitete Steffi Schröder einmal für 20 Menschen, die sie noch nie im Leben gesehen hatte, eine Tomaten-Paprika-Zucchini-Pfanne mit Nudeln zu.

Was bleibt von diesem „perfekten, wahnsinnig anstrengenden Urlaub“, wie Cordula Hohmann ihre Pilgerreise zusammenfasst? „Die Erinnerung“, rufen beide gleichzeitig aus. Und der Stolz darauf, durchgehalten zu haben.

Hätte ihnen vor der Reise jemand gesagt, dass es wirklich möglich ist, durch Wandern den Kopf leer zu bekommen, sie hätten es nicht geglaubt. Allerdings müsse man sich auch darauf einlassen können und die bedingungslose Bereitschaft mitbringen, alles, was belastet zu Hause zurückzulassen oder auf dem Weg loszulassen. „Einfach überwinden und loslaufen. Daran scheitern die meisten. Dabei ist mit Biss und Willen so viel machbar. Ich weiß jetzt, dass ich das für mich gebraucht habe. Es war eine schöne Erfahrung, die ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte. Eigentlich hätte ich das schon zehn Jahre früher machen müssen“, sagt Cordula Hohmann.

Für sie und ihre Pilgergefährtin Steffi Schröder ist das Thema damit aber noch nicht durch. Sie planen bereits, auch noch die 67 Kilometer von Santiago bis Finisterre, dem eigentlichen Ende des Jakobsweges, zu gehen.