Parchim wird ein offener Kreissitz sein

<strong>Während der langen Einkaufsnacht</strong> sammelten die Parchimer Unterschriften.<foto>michael-günther bölsche</foto>
Während der langen Einkaufsnacht sammelten die Parchimer Unterschriften.michael-günther bölsche

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08. Juli 2010, 09:26 Uhr

Parchim | Sternbergs Bürgermeister Jochen Quandt (CDU) hat trotz der großen entfernung immer zur Kreisstadt Parchim gehalten: "Ich freue mich sehr darüber, dass Parchim Kreisstadt bleibt. Schließlich haben wir uns ebenfalls stark dafür gemacht.". Der Kommunalpolitiker hofft nun, dass rasch eine Funktionalreform folge, damit im Interesse größerer Bürgernähe die Ämter weitere Aufgaben übernehmen können. Nach dem Landtagsvotum für Parchim als Sitz des künftigen Großkreises Südwestmecklenburg zeigte sich die Eldestadt gestern ganz normal betriebsam. Keine Spur von Häme oder Siegestaumel zog durch die Straßen - nur bescheidene Freude und Erleichterung. So verspricht ein Schild in einer Boutique ganz spontan in dieser Woche Rabatte, weil Parchim zur Kreisstadt gewählt wurde.

Parchims erster Mann, Stadtpräsident Dirk Flörke (CDU), macht da keine Ausnahme. Fast scheint er sich zu schämen, wenn er sagt: "Ich bin total froh. Ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen kann." Flörke hatte die Lichterkette, den Sternmarsch oder die Kinder-Malaktion auf die Beine gestellt. Es ist schlichtweg ehrlich und nicht taktisch, wenn Flörke seinen "ganz ganz großen Dank" an alle, die zu Parchim gehalten haben, ausspricht.

Ansonsten habe sich Parchim in der Diskussion um den Kreissitz nicht verstecken müssen: "Wir müssen uns für nichts schämen und können selbstbewusst mit der Entscheidung umgehen. Parchim hat es verdient, Kreisstadt zu werden und Parchim wird eine gute Kreisstadt sein, offen für alle. Dafür steht diese Stadt, dass niemand ausgegrenzt wird." Das Landtagsergebnis zeige zudem, dass es sich lohne, sich in die Politik einzumischen. Flörke: "Nur wer sich einmischt, kann auch etwas verändern."

Auch Bürgermeister Bernd Rolly (SPD) gab sich gestern pragmatisch: "Allen zusammen ein herzliches Dankeschön für ihren Einsatz." Jetzt gelte es, die jeweils anderen mitzunehmen und keine Gräben aufzureißen. Das möchte auch Ellen-Erika Raeschke. Die Kreisvorsitzende der Linken freut sich über die Unterstützung der vielen Initiativen für die Kreisstadt. Allerdings reiche es nicht aus, nur das Kreisgebiet zu erweitern. Jetzt müsse geklärt werden, welche Aufgaben vom Land auf die Kreisebene verlagert werden. Auch müsse unbedingt über die Altfehlbetragsabgabe geredet werden. Sie sehe vor, dass die Gemeinden die Schulden des ehemaligen Landkreises bezahlen. Raeschke: "Wie sollen wir das auffangen?"

Die Linken-Politikerin will auch nicht bis zum November 2011 warten, wenn der Startschuss für den neuen Großkreis fällt. Schon jetzt sollten Verwaltung und Parlament Arbeitsgruppen bilden, um nicht nur verwaltungstechnische Abläufe zu klären. Raeschke: "Wir sollten die kommunale Selbstverwaltung auf der parlamentarischen Ebene begleiten." Die Linken in Parchim und Ludwigslust parktizieren seit einem Jahr gemeinsame Klausurtreffen. Dabei sollte geklärt werden, was aus den jetzigen Landkreisen für die Zukunft Bestand haben könnte. Und: "Das kann nur ein Miteinander sein." Denn bis sich die Bürger mit dem neuen Großkreis identifizieren, werden Jahre vegehen. Ellen-Erika Raeschke: "Wenn wir positive kommunalpolitische Erfolge auf den Tisch legen, können wir das beschleunigen."

Professor Wolfgang Vogt, Sprecher des Aktionsbündnisses Pro Parchim Aktiv, und mit einem mit Kunstobjekten beladenen Boot vor dem Schweriner Schloss als Botschafter Parchims unterwegs, freute sich: "Ich bin froh, dass sich unsere Charmeoffensive und die Redlichkeit in der Politik durchgesetzt haben."

Gerda Behrend, Chefin der Parchimer Wohnungsbau GmbH, hatte noch einen Tag vor der Entscheidung vor dem Schweriner Schloss für Parchim demonstriert. Sie freut sich, "dass Parchim Kreisstadt bleibt, weil alle Partner, die uns im Kampf um den Erhalt des Kreisstadtstatus unterstützt haben, stets sachlich und fair agiert haben und durch die Entscheidung für Parchim die wirtschaftliche Entwicklung hier nicht gehemmt wird."

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