zur Navigation springen
Lokales

23. September 2017 | 20:05 Uhr

Papa Sven zieht Söhnchen allein groß

vom

svz.de von
erstellt am 14.Jul.2011 | 06:40 Uhr

Lichtenhagen | Stine Fischer ist wegen ihrer Ängste zu Marlene gekommen. Sie hatte Panik, mit ihrem frühgeborenen Sohn Alexander nicht allein klar zu kommen. "Ich fürchtete mich, ihn falsch zu ernähren und fühlte mich mit der neuen Mutterrolle überfordert", sagt die 26-Jährige. "Einerseits war ich stolz, Schwangerschaft und Geburt geschafft und einen süßen Sohn zu haben. Anderseits war ich eine totale Schissbüx", sagt die arbeitslose Hauswirtschaftshelferin. Ihr Sohn Alexander kommt damals elf Wochen zu früh auf die Welt, wiegt 1290 Gramm und ist 40 Zentimeter lang. Er muss am Beatmungsgerät angeschlossen sein. Auch, als er nach Hause kommt. "In dieser Nacht war ich psychisch total fertig, habe vor Angst um ihn viel geweint", sagt die junge Mutter.

Jugendamt stellt den Kontakt her

Weil sie trotz der Ängste verantwortungsbewusst handelt, lässt sie die Lage nicht eskalieren, sondern erbittet sich rechtzeitig Hilfe. Das Jugendamt stellt den Kontakt zum Projekt Marlene her. Im übertragenen Sinne finden Menschen wie Stine bei Leiterin Anke Baumann und dem Marlene-Team Halt, Hilfe und Schutz wie bei einer Mutter, Freundin oder Helferin. Marlene ist ein Mutter-Vater-Kind-Projekt für schwangere Mädchen und junge Mütter und Väter in schwierigen sozialen Lebenslagen in der Trägerschaft des ASB. Jeder Buchstabe steht für einen inhaltlichen Teil des Ansatzes. Jetzt ist das Projekt zehn Jahre alt geworden. 47 Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 26 haben in diesem Jahrzehnt für bis zu zwei Jahren hier gelebt und sind so in ihre neue Rolle gewachsen. Neu ist, dass inzwischen drei Väter diese Hilfe in Anspruch genommen haben. Einer ist Sven Dienhardt. Der 26-Jährige teilt sich mit der Kindsmutter das Sorgerecht, aber sie hat sich nach der Geburt Sohnes Reik (2) zurückgezogen. "Sie ist momentan damit überfordert, braucht jetzt Zeit, um sich selbst zu finden", sagt Sven.

Vielen fehlt der Rückhalt in der Herkunftsfamilie

Er ist wegen dem Marlene-Projekt aus Lübeck nach Rostock gezogen, weil es dort so ein Hilfsangebot nicht gibt. Sven spürt an Reik, was sonst die alleinerziehenden Mütter mit Kindern erleben, die immer einen Papa wollen. "Reik sucht nach einer Mama", sagt er. Sven ist bei Reiks Geburt dabei und hat seit dem den Wunsch, Verantwortung für seinen Sohn zu übernehmen, ihm ein gutes Zuhause zu geben. "Es macht mich glücklich, ihn aufwachsen zu sehen", sagt er. Irgendwann gehen Stine, Sven sowie die anderen Bewohner des Marlene-Projektes in die nächste Phase. Da beziehen sie eigene Wohnungen, werden ambulant betreut und haben immer Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Die letzte Stufe heißt flexible Hilfen. "Dabei sinkt Zahl der Betreuungsstunden , die Selbstständigkeit soll gefördert werden", sagt Anke Baumann.

In der Zeit im Marlene-Projekt holen viele den Schul- oder Berufsabschluss nach. Zu ihnen gehört Anita Wagner. Die 18-Jährige ist mit 16 Mutter von Felix geworden. Inzwischen hat sie den Hauptschulabschluss nachgeholt, jetzt folgt der Realschulabschluss. Tagsüber ist Felix in der Kita. Alexander und Reik sind in der Tagespflege. Um Arbeitsstrukturen zu erlernen arbeitet Sven ehrenamtlich im Groß Kleiner Altersheim. Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben diese jungen Mütter und Väter wenig Chancen. Wenn die Marlene-Phase vorbei ist, will er in Rostock bleiben. "Hier habe ich ein Netzwerk für meinen Sohn und mich gefunden", sagt er. Beruflich mögchte er irgendwann im sozialen Bereich arbeiten. In Bezug auf seine Wohnung erhält der junge Papa ein Lob von Leiterin Anke Baumann: "Sven ist die sauberste aller Mütter", sagt sie scherzend. Der junge Mann hält seinen und Reiks Bereich super ordentlich. Viele der jungen Mütter und Väter sind verstrickt in schwere Lebensschicksale. Manchen fehlt auch der Rückhalt in der Herkunftsfamilie. "Deshalb gibt es hier Arbeit mit den Vätern, Freunden und Familien der Mütter und Väter", sagt Baumann. Die Kinder erhalten früh und oft Förderung. Bei diesen Angeboten besteht Teilnahmepflicht. Ansonsten wird immer am Montag in einer Gruppe alles besprochen. Von Sorgen bis zum Wunsch, wenn eine Mutter ausgehen will. "Sie sind ja noch jung, dann entlasten wir sie an dem Abend einmal ", sagt Baumann. Neben Marlene gibt es das Wohnprojekt Pauline, das Müttern und Familien mit geistiger Beeinträchtigung zur Seite steht. Auch hier gibt es verschiedene Wohnmodelle und Stufen.

Die Arbeit von Baumann und ihrem Team hat es in sich. Zickenalarm zwischenjungen Müttern gehört dazu wie Probleme und große Solidarität. "Einmal stand eine junge Mutter mit einem Baby vor der Tür, sie besaß nichts weiter", sagt sie. "Innerhab von wenigen Stunden hatten alle Mädchen von sich etwas abgegeben", sagt die Leiterin. Auch wenn man die Probleme als Betreuer nicht mit nach Hause nehmen darf: "Abschalten gelingt nicht immer", sagt Baumann. Schließlich arbeitet sie und ihre Kollegen mit junge n Menschen, die eine schwierige Lebensphase meistern und sich in ihrer neuen Rolle zurechtfinden müssen.

>> MALENE UND PAULINE

Mutter/Vater-Kind-Projekt Marlene:
M(otivation) A(utonomie) R(olle) L(ebensperspektive) E(ntwicklung) N(eugier) E(igenverantwortung). Hinter dem Namen Marlene verbirgt sich eine betreute Wohnform für schwangere Mädchen und junge/Mütter in schwierigen sozialen Lebensformen. Anmeldungen sind jederzeit möglich.
Ansprechpartnerinnnen: Anke Baumann,
Ricarda Willam, Schleswiger Straße 6

Familienprojekt Pauline:
P(erpsektive) Al(ternativen) U(nterstützung) L(eben ) I(ntegration) N(eugier) E(ntwicklung). Hinter dem Namen Pauline verbirgt sich gelebte Elternschaft von Menschen mit einer geistigen Behinderung.
Ansprechpartnerin: Ricarda Willam

Kontakt:
Telefon: 0381/778 50 48,
Mobil: 0172/95 28 319,
E-Mail: marlene-pauline@asb-kjh.de


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen