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Lokales

25. September 2017 | 19:08 Uhr

Packende innere Glut

vom

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2010 | 08:37 Uhr

Schwerin | Carmens Seele intoniert ein Schicksalsmotiv. In Gestalt einer Sängerin führt sie Don José ins Rotlicht. Wo die Damen im spanischen Takt reizen und Carmen die Soldaten spielerisch per Handgelenk sortiert. Im Gefängnis wird sie Bewacher José betören, wird immer wieder die Männer wechseln, letztlich Morde verursachen, doch von José nicht loskommen.

"Diese Frau ist ein Dämon". Den Satz aus der "Carmen"-Novelle von Prosper Mérimée unterstreicht eine Frau heute nicht mehr. Die koreanische Choreographin Young Soon Hue zeigt in ihrem "Carmen"-Ballett am Mecklenburgischen Staatstheater auch nichts, was an Spanien-Klischee und Carmen-Muster erinnert. Carmen lebt selbstbestimmt, auch wenn sie sich prostituiert. Ihr Anspruch auf Unabhängigkeit trifft auf den Besitzanspruch von José. In der Unbedingtheit beider lauert die Katastrophe. Doch wie Mérimée seine Geschichte auch ironisiert, bricht Hue das Stereotyp der bedenkenlosen Frau, die in der Oper warnt: „ ... wenn ich lieb’, nimm dich in Acht.“Carmen ist nicht pur sinnlich, ist nachsinnend, tief betroffen, wenn José den Captain tötet. Was sie von Escamillo nicht abhält und nicht vom Versuch der Rückkehr zu José. Dabei läuft sie ins Messer.

Davina Kramer gestaltet die Titelrolle nicht mit aufgesetzt lodernder Wildheit, sondern einem inneren Glühen, jener Gespanntheit, die spanischen Tänzen eigen ist. Ihr provokativer Gestus ist so kontrolliert wie ihre Emotionen frei sind. Hinter der Erotik tanzt sie ihre Seele aus, so im Duett mit José. Technisch souverän, verkörpert Kramer enorm intensiv ein individuelles, psychisches Carmen-Profil.

Klein geschrieben, bedeutet "carmen" im Lateinischen: Lied, Zauberformel, auch Orakel, auch Gesetzesformel. Die Konnotation des Wortes schwingt in Hues überzeugender Fassung, die Micaëla stark ins Spiel bringt, und das Vielsinnige prägt ihre Choreographie. Sie pendelt zwischen den Körper-Sätzen aus klassischem Vokabular und expressiven Figurationen des Modern Dance, mischt beides attraktiv. Empfindsame Soli, wie die Leiden von Micaëla, die Nao Matsushita mit poetischem Air als zerbrechliche, aber mutige Frau tanzt; eine berührende Leistung. Tänzerische Kadenz blitzt, wenn Rustam Savrasov mit Jetés, Touren, Cabrioles seine Brillanz als Escamillo ausreizt. Maxim Perju unter Strom und signifikant als José, zerrissen zwischen Micaëla und Carmen, der er verfällt, deren Freiheit er nicht aushält, der tötet im Affekt. Leuchtende Duette, wie das sensorische von Carmen und Escamillo mit animalischem Beschnuppern, oder das fast romantische von Micaëla und José. Sprühende Gruppen, wie die exerzierenden Soldaten oder die Runde mit Kastagnetten in der Taverne. Ein homogenes Ensemble wirbelt durch die Gefühle. Darunter Kellymarie Sullivan als explosive Mercédès und Julio Miranda, der machtbewusste Captain. Ballettchef Urbich schreitet als übler Spielmacher.

Das Untergründige der "Habanera" hat Frauke Willimczik als Carmens Seele in der Stimme. Robert Pflanz hat keine Postkarte auf die Bühne gebaut, hat den Ort ästhetisch kühl konstruiert, die Kostüme von Bettina Lauer vereinen Spanien-Touch mit Tanz-Schnitt. Fesselnd musiziert Judith Kubitz mit der Staatskapelle. Tänzerische Dynamik auch da. Aus konzertanten Werken Bizets und Shchedrins "Carmen Suite" zieht sie Melodiebögen und schlägt Klang-Funken; die Schlagwerker der Trommelnummer top.

Schwerins neue "Carmen" ist eine packende Tanz-Erzählung. Das Premierenpublikum am Freitag jubelte wie selten.

Nächste Termine: 28. 10. und 13. 11.,19. 30 Uhr, Großes Haus. Kartentelefon: 5300123

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