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Lokales

23. August 2017 | 10:19 Uhr

Neun Morde und kein Täter

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Rostock | Sein Mitarbeiter hat frei und so muss der Chef ran: Es ist Samstagnachmittag, der 9. September 2000, als Blumenhändler Enver S. aus dem hessischen Schlüchtern an seinem Stand in Nürnberg aushilft. Der 38-Jährige steht im Lieferwagen, als der oder die Täter heranschleichen. Aus zwei Pistolen fallen neun Schüsse. Enver S. stirbt zwei Tage später. Mit seinem Tod beginnt eine der mysteriösesten Mordserien Europas, in deren Verlauf bis 2006 acht türkischstämmige Männer und ein Grieche in Deutschland erschossen werden.

Wie ein Phantom schlägt der Täter zu, häufig tagsüber, manchmal in belebten Straßen, immer ohne Zeugen und mit derselben Pistole - einer Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter mit Schalldämpfer. In Nürnberg, München, Hamburg, Dortmund, Rostock und Kassel hinterlässt er seine Blutspur. Die Opfer betreiben meist ein Kleingewerbe: Internetcafés, Obst-Gemüse-Handel, Kioske oder Dönerbuden - nach ihnen wird die Mordserie letztlich benannt.

Am 25. Februar 2004 stirbt der Türke Yunus T. in einem Rostocker Dönerimbiss. Nach Angaben des LKA in Rampe wird ihm in Kopf und Hals geschossen. Ein damals 10- bis 12-jähriges Mädchen beobachtet vermutlich den Mord und läuft weinend weg, es wird nie für eine Befragung gefunden.

Die Polizei richtet in Nürnberg die Sonderkommission "Bosporus" mit bundesweit mehr als 160 Ermittlern ein. Sie verfolgen 3500 Spuren und überprüfen 11 000 Personen. Eine Verbindung zwischen den Opfern lässt sich nicht finden, wie Georg Schalkhaußer, Vize-Chef der Kriminalpolizei Mittelfranken, sagt. Ende 2009 wurde die Soko aufgelöst, heute befassen sich fünf Fahnder des Kommissariats für offene Fälle mit der Mordserie unter Leitung von Schalkhaußer. Noch immer sind für den entscheidenden Tipp 300 000 Euro Belohnung ausgesetzt. "Der Täter nimmt nun die Patronenhülsen mit", sagt Schalkhaußer. Medien vermuten, er schieße durch eine Plastiktüte. Nach dem Mord in Rostock erschießt der Täter 2005 Ismail Y., einen beliebten Nürnberger Döner-Verkäufer.

Der ehemalige Soko-Chef Wolfgang Geier (55) leitet mittlerweile die Kripo Unterfranken. Doch die Taten verfolgen ihn. "Ich mache mir Gedanken, ob wir wirklich alles versucht haben", sagt er. Mehr als 30 Millionen Datensätze, EC-Karten-Bewegungen und Handytelefonate hätten sie geprüft, ihre Akten füllen ein Zimmer. Noch drei Morde folgen, bis die Serie 2006 plötzlich abreißt. "Vielleicht ist der Täter gestorben, sitzt im Gefängnis oder hat aufgehört, weil wir ihm zu nahe gekommen sind", vermutet Geier. Zwei Theorien beschäftigen die Beamten: "Eine organisierte Gruppe bestraft Mitglieder oder ein Einzeltäter tötet aus Hass", sagt Geier, der eher an die zweite These glaubt.

Georg Schalkhaußer sagt, dass alle Ermittlungen in Richtung organisierte Kriminalität, in Drogen- und Wettmafia-Szene im Sand verlaufen seien. Weder türkischstämmige Kommissare noch ein Profiler oder aber ein Fernsebericht führen auf eine heiße Spur. Schalkhaußer spricht rundheraus von einem "Misserfolg".

Neben der südländischen Herkunft und den Kleingewerben der Opfer bleibt die Waffe der einzige "rote Faden". "Ihre Spur führt in die Schweiz", sagt Barbara Hübner vom Bundeskriminalamt (BKA). Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehöre die Waffe zu einer Lieferung von 24 Pistolen, die der tschechische Hersteller Ceska Zbrojovka 1993 an den schweizerischen Waffenimporteur Luxik verschickt habe. "Wir haben 16 der Waffen ermittelt und überprüft, acht fehlen", sagt Hübner. Die Seriennummern hat das BKA im Internet veröffentlicht. Damit bleibe noch immer ein Funken Hoffnung auf den entscheidenden Tipp, sagt Ex-Soko-Chef Geier.

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erstellt am 08.Sep.2010 | 07:56 Uhr

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