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Lokales

19. August 2017 | 07:37 Uhr

Neun Jahre ohne Mann und Sohn

vom

Schwerin | Ariknas Warstad Krabit hat ihre Heimat, den Irak, vor neun Jahren bei Nacht und Nebel verlassen. In Schwerin lebt die heute 52-jährige Christin als anerkannter Flüchtling, hat sich mit einem orientalischen Imbiss in der Puschkinstraße eine eigene Existenz aufgebaut. Doch Freude oder Glück über das neue Leben können bei ihr nicht aufkommen. Denn seitdem sie hier ist, versucht sie, ihren Mann und ihren Sohn, die beide nach Jordanien geflohen sind, nachzuholen. Bislang erfolglos. Jetzt hat sich der Flüchtlingsrat MV ihrer angenommen und hofft über die Politik mehr zu bewegen können. Doreen Klamann-Senz schrieb an die Schweriner Stadtfraktionen, schilderte die Geschichte der Ariknas Warstad Krabit und bittet um Hilfe. Die Linke hat bereits ihre Unterstützung signalisiert.

Den Beteiligten geht es nicht um Schuldzuweisungen. Ein "unglückliches Zusammenspiel von unzulänglichen, teils nicht wohlwollendem Behördenhandeln und unzureichendem Wissen bei den Antragstellern" habe zu einer Familientragödie geführt, die Ariknas Warstad Krabits Gesundheitszustand inzwischen sehr zu schaffen macht. "Sie hat sich von einer starken Frau, die alleine flieht und sich hier etwas aufbaut, zu einer gebrochenen Frau gewandelt, die in regelmäßiger psychiatrischer Behandlung ist und die Arbeit im Imbiss immer schlechter bewältigen kann", schreibt Doreen Klamann-Senz an die Stadtvertreter.

Der Fall Warstad Krabit aus Sicht des Flüchtlingsrates: "Anerkannte Flüchtlinge haben das Recht, ihre Familie nachzuholen", so Klamann-Senz. "Wird der Antrag auf Familienzusammenführung innerhalb der ersten drei Monate nach Anerkennung gestellt, braucht der Flüchtling weder den Lebensunterhalt zu sichern noch müssen die Familienmitglieder Deutschkenntnisse nachweisen. Nach beiden Anerkennungen hat sich der Ehemann von Frau Warstad Krabit deshalb sofort an die deutsche Botschaft in Jordanien gewandt. Auf den ersten Antrag gab es keine Antwort, beim zweiten Versuch wurde der Antrag gar nicht angenommen mit dem falschen Hinweis, dass Mann und Sohn erst einen Deutschkurs besuchen müssten, wodurch unverschuldet die Drei-Monatsfrist nicht eingehalten wurde."

Ariknas Warstad Krabit ist eine elegante, große Frau - sie entspricht so gar nicht dem gängigen Klischee einer Imbissbetreiberin. Im Irak arbeitete sie nach ihrem Studium im Handelsministerium. In Schwerin kocht sie: Spezialitäten aus ihrer Heimat. "Ich liebe Arbeit, ich kann nicht nur zu Hause sitzen und fernsehen", sagt Ariknas Warstad Krabit. Sieben Tage die Woche steht sie hinterm Tresen, macht den Einkauf - zu Fuß, mit dem Rad und mit der Bahn, denn einen Führerschein hat sie nicht -, begeistert viele Schweriner und Touristen mit ihren Gerichten. Sogar den Landtag hat sie schon beliefert. 2004 übernahm sie den Laden in der Puschkinstraße. "Mit dem Geld, das ich mir dafür bei Freunden geliehen habe, hätte ich meine Familie illegal aus Jordanien holen können", sagt sie mit ein wenig Verbitterung in der Stimme. Drei Jahre lebte sie in Schwerin, ohne Sozialleistungen anzunehmen, "um zu beweisen, dass sie dem Staat nicht auf der Tasche liegt", so Doreen Klamann-Senz.

Sobhy Warstad Krabitat besitzt eine internationale Fahrerlaubnis und könnte seine Frau im Imbiss unterstützen, so dass ein Lieferdienst auf- und das Catering ausgebaut werden könnte, meint Ariknas Warstad Krabit. Doch die Behörden sehen das offenbar anders. Eine letzte Ablehnung des Familiennachzuges 2009 sei von der Ausländerbehörde mit der mangelnden Sicherung des Lebensunterhaltes begründet worden, so Klamann-Senz. "Davon hätte die Behörde gemäß Aufenthaltsgesetz absehen können", sagt sie.

Seit 2001 hat Ariknas Warstad Krabit ihren Sohn nicht mehr gesehen. "Viele schöne Jahre habe ich verpasst", sagt sie traurig. Heute ist Victor 21 Jahre alt, ihr Mann Sobhy 60. Fast hat Ariknas Warstad Krabit die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft aufgegeben. Die Aktion des Flüchtlingsrates sieht sie als letzte Chance auf Gerechtigkeit. Seit vergangener Woche sammelt sie außerdem Unterschriften, die bald der Oberbürgermeisterin übergeben werden sollen.

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erstellt am 29.Sep.2010 | 07:21 Uhr

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