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Lokales

26. September 2017 | 04:12 Uhr

Neue Chancen für Lehrlinge

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erstellt am 04.Okt.2010 | 08:08 Uhr

Schwerin | Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich gedreht. Bekamen Unternehmen vor wenigen Jahren noch 150 Bewerbungen, müssen sie heute aus 20 auswählen. Und mehr noch: Diese 20 sind oft weniger qualifiziert als Schulabgänger vor zehn oder zwanzig Jahren. Der positive Aspekt daran ist, dass so mittlerweile auch schwächere Schüler eine realistische Chance auf einen Ausbildungsplatz ihrer Wahl haben. Die Unternehmen bringt diese Entwicklung jedoch in Bedrängnis. Entweder ihre Lehrstellen bleiben unbesetzt, wodurch sich das Problem des Fachkräftemangels über kurz oder lang noch verschärft. Oder die Betriebe nehmen die Bewerber, die sie bekommen, und stellen sich auf das niedrigere Niveau ein.

"Es nützt nichts, auf den Jugendlichen herumzuhacken", sagt Hans-Günter Trepte von der Vereinigung der Unternehmerverbände für Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist Trepte als Geschäftsführer für Berufsbildung und Arbeitsmarktpolitik tätig. "Die jungen Menschen haben heute viele Interessen und da kommt die Schule manchmal zu kurz. Aber wir haben keine anderen Jugendlichen." Die Unternehmen und Bildungsträger seien gefragt.

Auch Prof. Reinhold Weiß, Ständiger Vertreter des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), sieht die Arbeitgeber in der Pflicht. Die Unternehmen müssten im Wettbewerb um die besten Schulabgänger Anreize schaffen. Das könnte eine bessere Ausbildungsvergütung sein, aber auch die Möglichkeit zur beruflichen Weiterbildung zum Beispiel durch ein berufsbegleitendes Studium. So könne der Abwanderung von qualifizierten Bewerbern entgegengewirkt werden. Denn der Sog der alten Bundesländer, der heute schon stark ist, wird sich in den kommenden Jahren noch erhöhen, erklärt Lothar Michael von der Bundesagentur für Arbeit Schwerin. Nämlich dann, wenn der demografische Wandel auch in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen angekommen ist und es dort mehr Lehrstellen als Bewerber geben wird.

Trepte sieht im Überangebot von Lehrstellen auch eine Chance: "Der Anreiz, sich möglichst zu qualifizieren, ist für die Jugendlichen heute viel größer." Schließlich hätten sie so eine gute Chance auf eine Lehrstelle. Der Großteil der jungen Leute sei hoch motiviert, sagt Trepte. Viele würden sich auch über berufsvorbereitende Maßnahmen für eine Ausbildung qualifizieren. Ein kleiner Umweg zwar, aber: "Die Unternehmen müssen sich daran gewöhnen, dass die Bewerber bunter und schwächer werden." Generell sei für die Arbeitgeber wichtig, dass bei dem Bewerber das Potenzial zu erkennen ist, die Ausbildung erfolgreich zu Ende zu bringen. Auf die Eignung komme es an, sagt Trepte: "Denn manchmal stehen hinter schlechten Zeugnissen super-gute Praktiker."

Auf Seiten der Schulen sieht Trepte Nachholbedarf: "Sie müssen sich bemühen, die Jugendlichen ausbildungsreifer zu bekommen." Dies ist ein Punkt, an dem auch Prof. Weiß Reformen für dringend notwendig erachtet. Eine Ganztagsbetreuung und eine frühe Förderung der Lernschwachen sowie eine qualifizierte Berufsorientierung hält er für ein geeignetes Mittel, das Absinken des Bildungsniveaus abzubremsen.

Michael von der Schweriner Arbeitsagentur fasst die traurige Bildungssituation zusammen: "MV ist die Region mit den meisten Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss." Und zwar, weil die Besseren abwandern. Für Betriebe wird die Ausbildung dadurch nicht automatisch einfacher. Sie müssen wieder lernen, schwächere Jugendliche in das Berufsleben zu integrieren und ihre Erwartungen herunter zu schrauben. Weiß meint dazu : "Die Unternehmen erwarten noch zu viel."

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