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Lokales

22. September 2017 | 15:40 Uhr

Nazi-Hardliner kaum zu erreichen

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erstellt am 06.Jun.2010 | 07:18 Uhr

Schwerin | "Nazis raus!" wird in Deutschland bei nahezu jeder Kundgebung gegen Rechtsextremisten gerufen. Tatsächlich aber junge Menschen aus der rechten Szene zu lösen, scheint schwer zu sein, wie Gespräche mit Rechtsextremismus-Experten im Land ergaben. An Geld mangelt es nicht. Allein für die Jahre 2009 und 2010 stellen EU und Bundesregierung im Rahmen des "Xenos"-Programms für "Integration und Vielfalt" in Mecklenburg-Vorpommern 9,2 Millionen Euro zur Verfügung. Davon sollen nach Angaben des Schweriner Sozialministeriums 1,5 bis zwei Millionen in ein Aussteigerprogramm fließen.

Die Projekte stehen aber noch ganz am Anfang. Seit Beginn des Jahres arbeiten drei Initiativen in Waren, Greifswald und bei Wismar. Ein weiteres Projekt soll demnächst in Stralsund starten. "Wir vom Land wollen alle Anstrengungen unternehmen, das Programm erfolgreich umzusetzen", versicherte ein Ministeriumsmitarbeiter. Die Erfolgsaussichten beurteilte er dennoch skeptisch: "Glauben Sie, Sie kriegen den Hardliner?" Eher die gefährdeten Jugendlichen könne man ansprechen.

Heute wollen die am "Xenos"-Programm beteiligten Projektgruppen im Sozialministerium in Schwerin zu einer Beratung zusammenkommen. Die rechtsextremistische Szene in MV ist relativ stabil. Der Verfassungsschutzbericht für 2009 gibt die Zahl der Mitglieder mit 1400 an, so viele wie 2008. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) unterstützt darum Aussteigerprogramme. Er äußerte sich "überzeugt, dass kein Mensch, auch wenn er sich gegenwärtig auf einem Irrweg befindet, aufgegeben werden darf". Die Latte für den Erfolg hängt der Minister niedrig: "Schon wenn es gelingt, auch nur wenige Menschen aus dem Sumpf von Gewalt und Völkerhass zu ziehen, waren alle Unterstützungsbemühungen ein Erfolg."

Sehr skeptisch zeigte sich auch der Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur Westmecklenburg, Karl-Georg Ohse. Schon den Kontakt zu Rechtsextremisten aufzunehmen, sei schwierig. Zu Jugendlichen gehe das noch am ehesten, über "Nebenszenen" unter Fußballfans oder in Jugendclubs. Ansonsten liefen die Kontakte über das Internet. Doch nach seiner Einschätzung können Initiativen von außen kaum zum Ausstieg aus der rechten Szene motivieren. Ausschlaggebend seien eher eine Liebesgeschichte, familiärer Druck oder ein Ereignis in der Szene selbst, etwa eine Gewalttat.

Doch auch dann ist der nächste Schritt für Helfer nicht einfach: "Das Schwierigste ist, einen Kontakt herzustellen, der dem Ausstiegswilligen Sicherheit und Verbindlichkeit geben kann. Daran hapert es in Mecklenburg-Vorpommern am meisten", kritisierte Ohse. Aussteiger würden im Internet von ihren Ex-"Kameraden" an den Pranger gestellt und bedroht. Die private Organisation Exit sei in solchen Fällen schon punktuell im Nordosten aktiv geworden. Wichtig sei jedoch eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen.

Verbindlichkeit und staatliche Unterstützung - genau auf diese Voraussetzungen kann Steffen Bischof bei seiner Arbeit im Neustrelitzer Jugendgefängnis bauen. Er ist für das Projekt "Demokratie lernen" zuständig, und seine Bilanz fällt überraschend positiv aus. Noch vor einigen Jahren habe es 40 bis 45 Gefangene mit sehr gefestigten rechten Ansichten gegeben. Inzwischen seien es allenfalls noch 10 bis 15, eher "Mitläufer". "Das Problem ist relativ gering."

Über die Gefangenenmitverantwortung, die gewählte Vertretung der Insassen, sollen die Jugendlichen demokratische Grundregeln einüben. Jüngstes Beispiel: Eine Verlängerung der Fernsehzeit während der Fußball-WM, die die Gefangenen über ihre Vertretung erreichen konnten. Auch äußerlich können sich die Jugendlichen vom Rechtsextremismus distanzieren. Wer sich einst ein Hakenkreuz tätowieren ließ, kann sich dies von einem professionellen Tattoo-Zeichner mit einem anderen Motiv, etwa einem Wikinger, überdecken lassen. "Cover up", heißt die Aktion. Die Gefängnismauer empfindet Bischof bei seinen Bemühungen um die Jugendlichen als strategischen Vorteil. "Wir sind betreutes Wohnen mit sehr verbindlichem Aufenthalt."

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