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Lokales

21. August 2017 | 10:31 Uhr

Naturschutz auf Kosten der Bauern?

vom

Naturschutz ja, aber nicht um jeden Preis. Zwei Landwirte an der alten Nebel bei Bützow fürchten um ihre Existenz, wenn der Fluss wie geplant renaturiert wird und rund 300 Hektar Grünland verloren gehen, mit Folgen auch für angrenzende Flächen, sagt Bauer Poppe Gerken aus Zepelin.

Bützow/Zepelin | Der Ostfriese kam vor 18 Jahren nach Mecklenburg. Rund um Zepelin bewirtschaftet Poppe Gerken 600 Hektar Acker- und Grünland. "Die Hälfte davon hinter dem Kanal", sagt Ger ken. Um das Land zwischen Güstrow-Bützow-Kanal und Nebel geht es. 100 Hek tar Grünland bewirtschaftet der Landwirt direkt am Flüsschen Nebel. "Gutes Land", sagt Poppe Ger ken. Er spricht auch von seiner Ukraine, weil der Boden reich an Humus und frei von Steinen sei. Der Bauer habe das Land in den vergangenen 18 Jahren nach und nach urbar gemacht, drainiert, geglättet und neue Grasnarben angelegt. Die Erträge seien gut. Bis zu viermal jährlich mäht Poppe Gerken hier. Das Heu sei hochwertig. Seit der 49-Jährige keine eigenen Kühe mehr hält, verkauft er das Futter. Für seinen Betrieb sei dies ein wirtschaftliches Standbein.

Der Zibühler Landwirt Joachim Vetter bewirtschaftet ebenfalls Grünland an der alten Nebel. "Das Futter brauche ich für meinen Milchviehbetrieb", sagt Vetter. Bei einer Renaturierung des Flusses verliere er 80 Prozent seines Grünlandes. Auch für ihn sei dies existenzgefährdend. Joachim Vetter verhandelt mit Behörden über Ausgleichsflächen. "Ich habe im Grunde nichts gegen eine Rekultivierung des Flusses", sagt er. Aber ihn ärgert, dass einfach so Grünland vernichtet werden soll. "Mecklenburg-Vorpommern hat ohnehin schon wenig Grünland, nicht umsonst gibt es ein Umbruchverbot für solche Flächen. Es kann nicht sein, dass 300 Hek tar einfach verschwinden", sagt Vetter. Die Suche nach Ausgleichsflächen für die betroffenen Landwirte sei schwierig, "denn das Land ist überall vergeben. Wem will man es wegnehmen?", fragt Joachim Vetter.

"Wo bleiben die Menschen und die Arbeitsplätze?"Poppe Gerken aus Zepelin bot den Behörden an, seinen ganzen Betrieb zu kaufen. Auch er habe nichts gegen eine Renaturierung, aber nicht auf Kosten seiner Existenz und der seiner Mitarbeiter. "Wo bleiben beim Naturschutz die Menschen und die Arbeitsplätze?", fragt Ger ken. Er werde streiten, selbst wenn es bis zur Enteignung kommt. Die habe man ihm angekündigt, sofern er sich weigere.

Zur Erinnerung: Das Staatliche Amt für Umwelt und Natur (StAUN) Rostock und das Amt für Landwirtschaft (AfL) Bützow planen die Renaturierung der Nebel zwischen Güstrow und Bützow. Sie soll künftig wieder mehr Wasser führen, der Kanal, der vor über 100 Jahren zur Schiffbarmachung gebaut wurde, dafür weniger. Geplant ist rechts und links der Nebel ein 100 Meter breiter Korridor, den man sich selbst und der Natur überlässt (SVZ berichtete).

Dies bedeutet für Poppe Ger ken 40 bis 50 Hektar Totalverlust. Aber auch die übrigen 250 Hektar Acker- und Grünland zwischen Kanal und Nebel verlieren für ihn an Wert. Auch für sie fordert er einen Ausgleich. Durch den meanderförmigen Verlauf der Nebel sei er dann zur Inselwirtschaft gezwungen. Das sei unwirtschaftlicher. Gerken fürchtet außerdem, dass Flächen vernässen, wenn die Nebel wieder mehr Wasser führe. Dass sich mehr Wildtiere ansiedeln sei eine Folge der Renaturierung und auch gewollt. "Sie richten aber auch Schäden auf meinen Äckern an", sagt der 49-Jährige und fürchtet um seine Erträge. Und er fragt sich auch: "Was ist auf meinen angrenzenden Flächen noch erlaubt, wenn das alles hier Naturschutzgebiet ist?"

"Wir wollen nicht enteignen"Romuald Bittl vom Amt für Landwirtschaft in Bützow kenne die Sorgen der Bauern. Proteste gebe es in Bodenordnungsverfahren wie diesem an der Nebel häufig, das Verfahren dauere oft Jahre, viel Verhandlungsgeschick sei dafür nötig. "Wir wollen aber nicht enteignen. Bodenordnungsverfahren dienen dazu, die Bewirtschaftung zu verbessern", so Bittl. Betroffene Landwirte wie Gerken und Vetter bekämen Ausgleichsflächen. Diese wiederum gehen anderen Landwirten als Pächtern verloren. "Wir rechnen das so hin, dass letztlich jeder ein bisschen Land hergibt", erklärt Romuald Bittl. Denn die 300 Hek tar an der Nebel gehen unwiederbringlich für die Landwirtschaft verloren. Eigene Flächen der betroffenen Landwirte ersetzt das AfL mit Land aus öffentlicher Hand. "Aber niemand hat Anspruch auf genau die gleichen Flächen", sagt Bittl. Heimatliebe könne er verstehen. "Wer sein Land urbar gemacht hat, hängt daran." Grünland sei in der Tat knapp, "aber viele Landwirte wollen ohnehin Ackerland, da kann man tauschen", sagt Bittl.

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erstellt am 02.Apr.2009 | 08:23 Uhr

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