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Lokales

19. November 2017 | 15:11 Uhr

Mordwaffe Brotmesser

vom

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erstellt am 10.Mär.2011 | 07:35 Uhr

Rostock | An einem Septembertag 2010 marschierte Philip A. in Rostock zur Polizei und verkündete sinngemäß: "Ich habe einen Mord zu melden". Er gab den Tatort an - eine Wohnung im Stadtteil Schmarl - und nannte sogar den Namen des Täters. Die Beamten fanden dort tatsächlich einen Toten. In einem Zustand, der sogar hartgesottenen Ermittlern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Kehle durchgeschnitten, eher durchgesägt mit einem gezackten Brotmesser, wie sich herausstellt. Ein Kraftakt, heißt es später vor Gericht. Etwa eine Woche lang lag der Mann tot in seinem Blut. Thomas K. heißt er. Vater eines achtjährigen Kindes, gerade fertig mit der Ausbildung zum Altenpfleger. Dem Alkohol nicht abgeneigt. Die Wohnung ist aufgeräumt - abgesehen von dem Chaos, das die Mörder angerichtet haben. Die Polizei nimmt den Mann fest, den Philip A. beschuldigt hat: Vladimir B., 25 Jahre alt, Deutscher, aus Russland eingewandert. Genau wie Philip A. Vladimir B. jedoch behauptet, A. selbst habe dem "Deutschen" die Kehle durchgeschnitten.

Gestern zum Prozessauftakt vor dem Rostocker Landgericht sitzen beide Männer auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass sie gemeinsam Thomas K. ermordet haben. Sie sollen ihr späteres Opfer an der Tankstelle getroffen und ihm Alkohol angeboten haben, worauf dieser die beiden zu sich nach Hause einlud. Was sich genau in der Wohnung abspielte, ist bis heute nicht klar. Offenbar ist K. getreten und geschlagen worden, bevor man ihn tötete. Die Täter nahmen diverse Gegenstände mit: ein silbernes Messer, eine Wanduhr, Büromaterialien, eine kleine Marmorsäule. Für diese eher mickrige Beute ein Mord?

Russlanddeutsche mit eigenen Regeln

Vladimir B. sagte, er habe "Thomas" bis zum zufälligen Treffen an der Tankstelle nicht gekannt. Der 25-Jährige - immerhin wegen Mordes angeklagt - ist überraschend aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Im Gegensatz zu dem 22-jährigen Mitangeklagten Philip A. Der will im Prozess nichts sagen. Er, der Jüngere, ist dem Gericht wohlbekannt. Vladimir - selbst nicht vorbestraft - weiß, dass A. drei Jahre in Haft saß, weil er mal jemanden "halbtot geschlagen" habe. Vladimir B. spricht leise. Obwohl er schon Jahre hier lebt, beherrscht er die deutsche Sprache nicht. Eine Dolmetscherin übersetzt. Er habe Angst vor A., sagt er. Dem Gericht sind zwei Zeugen bekannt, die angegeben haben, von A. bedroht worden zu sein.

Vladimir B. gibt zu, mit in der Wohnung gewesen zu sein. Aber Philip habe das Opfer allein massakriert und er weggeschaut. Doch er verstrickt sich in Widersprüche. Stockend berichtet er auf hartnäckige Fragen des Gerichts vom Bekanntenkreis der beiden, der sich vornehmlich aus russlanddeutschen Altersgefährten zusammensetzt. Einer geschlossenen Gesellschaft mit eigenen Regeln. Man beraubt und bedroht sich gegenseitig, man schlägt sich, man verträgt sich - oder trinkt doch zumindest wieder miteinander. Als Vladimir von Philips blutverschmierter Jogginghose berichtet, schickt das Gericht mitten im Prozess Ermittler zu Philips Mutter, um dort nach dem Beweisstück zu suchen. Bis gestern Abend wurde kein Ergebnis bekannt. Der Prozess wird heute mit der Befragung von B. fortgesetzt. Das Urteil wird frühestens Ende März erwartet.

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