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Lokales

26. September 2017 | 12:57 Uhr

Mogelei bei der Ganztagsschule

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erstellt am 04.Okt.2010 | 07:15 Uhr

Schwerin | Drei Themen aus der Bildung - für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) dreimal Stoff für harsche Kritik an der Bildungspolitik. Der heutige Welttag des Lehrers - gewidmet 1994 auf Beschluss internationaler Lehrerverbände - gab Annett Lindner, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, gestern Anlass zur Abrechnung. "Oft, zu oft aus unserer Sicht passen politischer Wille und politisches Handeln nicht übereinander", stellt sie fest.

Stichwort berufliche Bildung - laut Gewerkschaft in MV inhaltlicher Schwerpunkt des Weltlehrertages 2010, der weltweit das Motto "Recovery begins with teachers" (Erneuerung beginnt mit Lehrerinnen und Lehrern) stellt. Annett Lindner zeigt Widersprüche auf: Einerseits töne die Politik von Nachwuchs- und Fachkräftemangel. Andererseits bilde das Land überhaupt keine Berufsschullehrer mehr aus. "Die 20 Neueinstellungen, die nach Auskunft des Bildungsministeriums pro Jahr an Beruflichen Schulen möglich sind, werden überwiegend mit Seiteneinsteigern besetzt", sagt die Gewerkschaftschefin und fordert das Land auf, an den Hochschulen umgehend das Lehramt für Berufsschullehrer wiederzubeleben.

Stichwort Ganztagsschule: Gut gedacht, schlecht gemacht, meint die Gewerkschaft. Zum einen habe das Land weit weniger funktionierende Ganztagsschulen, als es vorgebe. Wünschenswert auch aus Sicht der Wissenschaft sei die gebundene Ganztagsschule, an der die Schüler ihren Alltag zwischen 8 bis 17 Uhr sinnvoll verbringen. In der Realität überwiege die offene Ganztagsschule, die häufig mehr schlecht als recht mit einigen Nachmittagsangeboten aufwarte. Dabei verlasse sich das Bildungsministerium zu einem Großteil auf die Bereitschaft der Lehrerinnen und Lehrer zur Selbstausbeutung. Anhand von Rechtsverordnungen über die Stundenberechnung beschreibt Annett Lindner die Situation am Beispiel einer Ganztagsschule mit 100 Kindern: "Der Lehrer bekommt 10-mal 45 Minuten bezahlt, ist aber verpflichtet, 15-mal 60 Minuten zu arbeiten. Aus unserer Sicht eine missbräuchliche Auslegung der Arbeitszeit."

Stichwort integrative Grundschule, Schauplatz des "größten Chaos", wie die GEW-Vorsitzende einschätzt. "Das Thema Integration ist zu wichtig, als dass man hier experimentieren darf." Die Art und Weise, wie das Land mehr Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf erreichen will, "führt gegen die Wand". Auf Rügen beispielsweise, wo der Weg mit Begleitung der Universität Rostock seit Längerem erprobt wird, arbeiten nun alle Schulanfänger mit einem Lesebuch auf einem Niveau, das die meisten unterfordert. Landesweit gehen seit Schuljahresbeginn Kinder mit Förderschwerpunkt Lernen zwar statt an Förderschulen in die Grundschulen, doch seien weder die Lehrer ausreichend vorbereitet noch Förderstunden erhöht worden, wie Annett Lindner kritisiert. "Eine echte integrative Beschulung wird - anders als vom Bildungsministerium beschrieben - teurer als der bisherige Weg", sagt sie.

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