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Lokales

18. November 2017 | 00:29 Uhr

Modernes Wohnen in alter Fabrik

vom

svz.de von
erstellt am 24.Apr.2013 | 10:05 Uhr

Von der Lage her war es schon immer eine Perle - die alte Fabrikhalle an der Stepenitz. Im Hinterhof der Häuser in der Wittenberger Straße 59/60 gelegen, führte das Anwesen optisch allerdings eher ein Aschenputteldasein. Auch jetzt erahnt kaum jemand den Glanz, den dieses Ensemble mittlerweile ausstrahlt. Zu DDR-Zeiten zuletzt als Werk- und Lagerräume genutzt, hat Michael Schult diese riesige Halle in "vier Loftwohnungen mit Reihenhaus charakter" verwandelt. Den Charme des alten Fabrikgemäuers versuchte er dabei ganz bewusst zu erhalten. Alte Balken, Holzdielen, Stahlfenster und die wunderschöne Klinkerfassade künden davon bzw. vermitteln etwas Anheimelndes, passen sich zugleich nahtlos in das ein, was man als modernes Wohnambiente bezeichnet. Ende Mai, so schätzt der Wahl-Berliner, dessen Wurzeln in der Prignitz liegen, wird alles fertig sein, werden die Mieter hier einziehen können. So um die 1,5 Millionen Euro hat der Immobilienkaufmann dann in den letzten 17 Jahren in den Gebäudekomplex investiert.

Alles begann 1996. Für seine Mutter, die damals noch in Wittenberge wohnte, suchte er eine Eigentumswohnung. In der Elbestadt klappte es nicht, wie er es sich vorstellte. Zur Versteigerung in einem Berliner Auktionshaus stand dafür die Wittenberger Straße 60 in Perleberg. "Aus heutiger Sicht war das schon ein Harakiri-Akt", gesteht er unverhohlen ein, denn ohne das Haus zuvor in Augenschein genommen zu haben, ersteigerte er es, in dem übrigens auch das Russenmagazin einst sein Domizil hatte. Gar abenteuerlich mutete dann auch an, was Michael Schult, der im Kreisbaubetrieb Perleberg Baufacharbeiter lernte, später an die Trasse ging und 1989 über Ungarn in den Westen floh, vorfand. "Im Durchgang wuchsen Bäume, auf der Wiese die Reste einer Schafhaltung." Mit der Machete mussten sie sich durcharbeiten, 40 Lkw-Ladungen Erde austauschen. Die Wohnungen wurden saniert, in eine zog die Mutter des Hausherren. Jener erwarb dann 2001 auch das Nebenhaus, die Nummer 59. Mittlerweile gehört ihm auch der imaginäre kleine Weg, der einst zwischen beiden Häusern an die Stepenitz führte. Somit konnte 2012 nach den Planungen der Potsdamer Architektin Ulrike Tilly, welche auch die Bauleitung übernahm, die Renovierung und Umnutzung des Hallengebäudes beginnen.

Auf zirka einem Hektar hat der gebürtige Wittenberger sprichwörtlich jeden Stein umgedreht und mit Handwerkern aus der Region bzw. eigenen Mitarbeitern moderne Wohnungen geschaffen. Für ihn eine Art Altersvorsorge und langfristige Investition, wie er sagt. Seinen Lebensmittelpunkt sieht Michael Schult aber weiterhin in Berlin-Wannsee. "Hier habe ich meine Arbeit und meine Familie." Nachdem er 1991 zurück nach Berlin kam, machte er eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann und ist heute Geschäftsführer der Immomente Berlin GmbH. Einen direkten Draht zur und in die Prignitz habe er aber weiterhin. "Meine Mutter, meine Geschwister leben hier", fügt er schmunzelnd an. Und ein Wochenende an der Stepenitz hat selbst für einen Hauptstädter einen ganz besonderen Reiz.

Aus der Geschichte:

Wittenberger Str. 59/60 1901 errichtete Otto Schlagmann in der heutigen Wittenberger Straße 59 auf dem Hof ein Fabrikgebäude mit Kellergeschoss und einem Anbau für einen Dampfkessel.
Im Fabrikgebäude wurde eine „Fabrik der Echten Perleberger Glanzwichse, Lederfette und Tafel-Mostrich“ eingerichtet. Aber die Fabrik war wohl nicht ertragreich. So wurde das Gebäude 1908 umgebaut. Ab 1909 beherbergte es eine „Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen, Spezialität Dreschmaschinen mit eingebautem Motor, Schlagmann & Co.“.
Aber auch diese brachte wohl nicht den Erfolg. 1913 richtete der Tischler Telschow in den Fabrikräumen eine Tischlerei ein. Sie wurde als „Gesellschaft vereinigter Tischler“ nach den Unterlagen wohl auch noch nach 1938 betrieben.
1948 baute der Elektromeister Paul Schulz die Halle zu Werk- und Lagerräumen um. Sein Nachfolger Horst Schulz hat diese Firma noch bis nach 1990 fortgeführt, geht aus Unterlagen des Stadtarchivs hervor.

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