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Lokales

20. Oktober 2017 | 16:04 Uhr

Moderne Wildhüter im Revier

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erstellt am 03.Sep.2010 | 05:20 Uhr

Parchim | Ihr bereitet selbst das Warten Vergnügen. "Nichts zu sehen", sagt Anja Blank, blickt über den Wildacker und setzt erneut den Feldstecher an. Nichts, kein Reh, kein Schwarzkittel - Ruhe im Jagdrevier nahe Malchow im Landkreis Parchim, nur das beruhigende Rauschen des nahen Kiefernwaldes. Im letzten halben Jahr war sie erfolgreicher. "Drei Böcke seit 1. April", erzählt die 26-Jährige. Und doch freut sich die junge Frau über das Schweigen im Wald. "Auf der Kanzel sitzen und einfach nur beobachten, nachdenken, nichts hören und sehen, was für ein Genuss", meint Anja Blank. Pirschgang während der Arbeitszeit - Alltag für die junge Frau. Anja Blank geht auf Jagd, von Berufs wegen. Sie ist angehende Revierjägerin, eine von vier Auszubildenden in MV, die sich dem Splitterberuf verschrieben haben.

Die Zeit der Lakaien ist vorbei

Wildhege, Hundezwinger, Waffenschrank, Hörnerklang: Jagd und Wald ist ihr Leben. "Von Kindesbeinen bin ich dabei", erzählt die 26-Jährige. Die erste Hasenjagd mit 9, Drückjagd auf Schwarzwild mit 12, Jagdschein mit 15, Pirschgang in Begleitung mit 16, Jugendjägerin mit 18. Mit dem Jagdhund des Vaters fing alles an. "Der sollte ausgebildet werden", erzählt die Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. Hunde gehören noch heute dazu. Acht habe sie in den eigenen großzügigen Zwingern, erzählt die Parchimerin. Mann, Tochter, Hunde, Ehrenämter als Obfrau für Hundewesen und jagdliches Brauchtum, Berufsausbildung und dann auch noch der Hausbau: Bleibt da noch Zeit für die Jagd? "Wenn jemand auf meine Tochter aufpasst, auf jeden Fall", sagt Blank - wenn auch nur wenig.

Jetzt macht sie das Hobby zum Beruf, nach einer mehrjährigen Ausbildung. So selten der Beruf auch ist, so alt ist er. Wildhüter, Jagdaufseher: Seit vielen Jahrhunderten habe es sie gegeben, erklärt Hermann Wolff, Chef des Bundesverbandes der Berufsjäger. Selbst zu DDR-Zeiten wurde auf sie nicht verzichtet - Ingenieure für Wildbewirtschaftung hirschten damals durch den Wald. Den hohen Herren hätten sie die Jagd bereitet - mit Unterwürfigkeit. "Doch die Zeit der Lakaien ist vorbei", sagt Wolff. Heute seien Facharbeiter gefragt, professionelle Berufsjäger, mit Verwaltungserfahrung, Kenntnissen in Betriebswirtschaft - keine Spur vom Förster im Silberwald oder im Forsthaus Falkenau. Revierjäger, so glaubt der Berufsverband, seien keine knorrigen Relikte aus einer vergangenen Zeit bei Hofe, sondern Profis des modernen Wildtier-Managements - "wir sind Dienstleister", erklärt Anja Blank. "Forst- und Landwirt, Handwerker, Tiermediziner, Tischler - man muss alles können und wird für alles ausgebildet." Ein klein wenig seien die modernen Wildhüter denn auch noch Jäger, fügt Blanks Ausbilder Henning Voigt hinzu. Das sei kein normaler Job. "Berufsjäger ist man 24 Stunden am Tag, allerdings weniger, um selbst auf Pirsch zu gehen, sondern um die Jagd für andere zu organisieren", sagt der Wildmeister und Chef des Jägerlehrhofes in Damm im Landkreis Parchim. Gerade fünf bis sieben Prozent ihrer Arbeitszeit gingen die Berufsjäger auf Pirsch, ergab eine Umfrage unter Waidleuten.

Messen, sägen, hämmern: Anja Blank geht es gut von der Hand. Das Handwerkliche habe sie im Blut, die Werkstatt des Vaters war schon im Kindesalter ihr Revier. "Die erste Kaninchenbucht habe ich denn auch selbst gebaut", erinnert sich Anja Blank. Erst vor wenigen Tagen hat sie gemeinsam mit Henning Voigt einen Ansitz neu hergerichtet. Jetzt sei noch Zeit dazu, bevor im Herbst die großen Jagden beginnen, erzählt die 26-Jährige, greift zur Säge und schneidet das nächste ungesäumte Brett für einen weiteren Hochstand zu. "Der muss heute noch fertig werden", erklärt die Jungjägerin.

Über mangelnde Arbeit kann sich Anja Blank nicht beklagen. "Mehrmals stand die Berufsausbildung zwar schon auf der Kippe", sagt Verbandsgeschäftsführer Wolff. Vergangenheit: "Jetzt ist der Bedarf wieder da", meint er. Spätestens seit sich in den neuen Bundesländern Industrielle, Banker, aber auch der alte Adel im Zuge der Waldprivatisierung hunderte Hektar große Forstflächen zusammengekauft haben, werden Revierjäger gesucht. Zwischen 1500 und 4000 Hektar große Flächen hätten "Leute mit Geld" erworben. Bundesweit bilden 60 Betriebe aus, erklärt Wolff. "Zu meiner Lehrzeit vor 30 Jahren waren es gerade einmal 30 Betriebe." Inzwischen sei die Berufsausbildung nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz reformiert worden. 60 Auszubildende sollen künftig jährlich auf den Einsatz im Wald vorbereitet werden.

Mit guten Chancen: So entferne sich die Forstausbildung immer stärker von der Jagd, sagt Wolff. "Die Förster machen die Jagd häufig nur noch mit." Und mit den Reformen der Forstverwaltungen würden sie künftig noch stärker zu "Holzwürmern, die kaum noch auf Pirsch gehen können" - umso mehr bleibt für Berufsjäger zu tun. Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise seien 2010 alle Revierjäger in ein Arbeitsverhältnis übernommen worden, sagt Wolff: "Die Auszubildenden werden vom Markt aufgesaugt wie ein Schwamm."

1000 Berufsjäger im Einsatz

Etwa 1000 Berufsjäger finden bundesweit Beschäftigung in großen Jagdrevieren, bei Jagdbehörden, Naturschutzverbänden, in Nationalsparks oder bei Jagdreiseveranstaltern. Auch staatliche Forstverwaltungen stellen Revierjäger ein. In Sachsen-Anhalt seien inzwischen auch im Landeswald die ersten Revierjäger beschäftigt, sagt Wolff. Auch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg werden daran künftig nicht vorbeikommen, glaubt der Verbandschef. Allein im Nordosten gebe es mittlerweile mehr als 50 etwa 25 000 bis 30 000 Hektar große Hegegemeinschaften. "Das ist ehrenamtlich kaum noch zu schaffen."

Für Anja Blank schon: Gerade kehrt sie mit dem roten Traktor vom Wildacker zurück. "Die Äsungsfläche musste geeggt werden." Ihr Job als Revierjägerin: Das ist eben mehr als nur die Flinte anzulegen.

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