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Lokales

14. Dezember 2017 | 03:44 Uhr

Mit Reiseschreibmaschine angefangen

vom

svz.de von
erstellt am 02.Mai.2010 | 04:49 Uhr

Warnemünde | Monika Kadner ist die Frau der ersten Stunden. Denn sie gehörte zu Antreibern, wenn es darum ging die NNN täglich mit einer Warnemünde-Seite erscheinen zu lassen. Als erste Redakteure hat sie jede Menge miterlebt und erinnert sich:

"Warnemünder Nachrichten" hieß dieses zusammengefaltete Blatt, das man sich mit viel Fantasie als eine Zeitung vorstellen konnte. Es ging in unserem Ort klammheimlich von Hand zu Hand. Ich bekam es mit Milch, Butter und Käse im Lädchen von Doris Rausch in der Alexandrinenstraße zugesteckt. Rührige Hamburger, emigrierte Warnemünder allesamt, wollten den Kontakt zur ehemaligen Heimat nicht abreißen lassen. Trafen sich an der Alster, tauschten Neues von der Warnowmündung aus, das sie bei Besuchsreisen erlebt hatten, luden sich Rentner zu diesen Kaffeekränzchen ein, die einen gültigen blauen DDR-Pass besaßen, in dem die 2530 vor dem Ort als Postleitzahl stand. Vieles schrieben sie auf. Vervielfältigten den Bogen im Format DIN A 5 und knifften ihn zur Zeitungsansicht.

Der Herbst 1989. Könnte man nicht? Sollten wir nicht jetzt aktuelle, tatsächliche "Warnemünder Nachrichten" schreiben, die ohne Heimwehtränen von den Hamburgern gleichermaßen wie jenen Ur-Warnemündern und Zugezogenen in diesem wunderschönen Ort, einmal wöchentlich gelesen werden konnten? "Du bist doch Journalistin!" drängten Einheimische mich, die ich "vogelfrei" war, hinterm Tresen der "Seekiste" stand und schon vier Jahre einen großen Bogen um meine Stammredaktion machen musste. Aber woher das Geld für das Papier, den Druck, die Verteilung nehmen? Trudchen Landrath vom Alten Strom, heute 88-jährig, wollte die Zeitung in die Briefkästen stecken, die 50 Pfennig im Abo kosten sollte. Auch im Milchladen hätten sie jetzt öffentlich ausliegen können. Gudrun Zinner, Deutschlehrerin der Fritz-Reuter-Schule, wäre eine perfekte Korrektorin (Übrigens ist sie noch heute eifrige NNN-Leserin, obwohl sie nach Wustrow verzogen ist.).

Wir wolltens jedenfalls alle euphorisch ohne Honorare zustande bringen. Doch wer bettelte um Anzeigen? Wer konnte Geld vorschießen, bis sich die Zeitung trug? Schwierig, schwierig in Mecklenburg. Finanzgenie Professor Dieter Nesselmann rechnete. Sein mehr als bitteres Ergebnis: "Finger weg! Auch bei aller ehrenamtlichen Arbeit, muss das Blatt an sich bezahlt werden. Das klappt so nicht." Aufgeben? Das passte ganz und gar nicht! Vorsprache beim befreundeten Chefredakteur der Norddeutschen Neuesten Nachrichten, Wolf-Dietrich Gehrke. "Mach mal! Zeig mir einen Seitenentwurf, mit dem ich vor meinem Verleger bestehen kann." So schickte er mich mit dutzenden von im Kopf kreisenden Ideen an den Alten Strom zurück.

Seeräuberfasching im Teepott. Für unsere Generation ein "Muss". Was ich anhatte? Mit wem ich tanzte? Keine Ahnung. Saunafreunde aus der Segelschule auf der Mittelmole schnappten mich. "Hier ist ein Zeitungsmacher, ein Grafiker aus Hamburg. Setz dich hin." Wenn es Mai gewesen wäre, stiege die Sonne am Horizont wohl schon wieder hoch, als wir uns mit roten Köpfen und vielen voll geschriebenen Servietten trennten. Dabei hatten wir gerade ein Glas Sekt getrunken. Warum weiß ich alte Frau bloß nicht mehr den Namen dieses Kollegen, um ihn heute einladen zu können...

Tatsächlich kamen nach drei Wochen die Entwürfe eines möglichen Layouts, Rubrikenvorschläge für die Warnemünder Seite in den NNN, von denen noch heute beispielsweise der Stromsnack "Zwischen Dünen und Strom" im Auftrage der Leser Kritisches aufspießt und Löbliches verkündet. Chefredakteur und Verleger wagten das Experiment. Wollten aber aus Rostock weder Mann noch Maus abstellen, um hier eine Filiale einzurichten, die einmal wöchentlich auch noch den handgezeichneten Spiegel, die getippten Manuskripte und Fotos per S-Bahn nach Rostock bringen müsste. Auch das müsste zu schaffen sein!

Der Ehemann ließ den Motor des Trabi-Kombi an. Zwei Fischer krempelten die Ärmel auf. Aus einer Lütten Kleiner Schule erstanden wir für 0,00 Mark einen Schreibtisch, drei Stühle. Der Werftdirektor hatte beim Bier versprochen, dass im Abstellraum des Filmvorführers Platz sei für die Warnemünde Redaktion. Ich glaube heute, es war pures Mitleid, diesen Warnemünder Phantasten jene kleine Bitte nicht abschlagen zu können. Hier gabs allerdings weder Heizung noch Sonne durch das Rundbogenfenster, auf dem heute "Ostseewelten" zu lesen ist. An ein Telefon, gar Fax war überhaupt nicht zu denken. Eine private Reiseschreibmaschine stand bereit. Typometer, Rechenscheibe, Schere, Kleber und Bleistift zauberte ich aus der hintersten Schublade des eigenen Schreibtisches wieder ans Tageslicht. Und die Fischer schafften es tatsächlich, über die enge gusseiserne Wendeltreppe das Mobiliar für eine Redaktionsstube zu hieven, die mehr einer Kammer glich.

Mitte April. Erste Versammlung. Wie die Sardinen standen ein halbes Dutzend am Schreiben und Fotografieren Interessierter um den ersten Spiegelentwurf herum. Sogar eine Anzeige konnten wir schalten, denn Jürgen Clement, als neben mir sitzender im Bürgerschaftsrat, traute sich gar nicht "Nein" sagen zu sagen, zu dieser Zeitungsidee. Heute ist er übrigens erfolgreicher Unternehmer mit seinen damaligen ingenieurtechnischen Träumen. Ob das "toi, toi, toi" der NNN dazu beigetragen hat?

Tatsächlich erschien am 3.Mai 1990 eine eigenständige Zeitungsseite in den NNN. Das Echo war nach vier Monaten, in denen einmal wöchentlich aus Warnemünde berichtet wurde, so laut bis Rostock vorgedrungen, dass die Verlagsleitung und die Chefredaktion beschlossen "Wir stellen uns täglich in den Dienst der Warnemünder Leser, informieren die Rostocker umfassend über ihr Kleinod." Ab 1.September jenen Jahres zog die Mini-Redaktion in ein großes - auch warmes - Büro im Klubhaus der Warnowwerft. Die Redakteurin Sabine Schubert nahm Platz an einem neuen Schreibtisch. Handgeschriebene Manuskripte auf Papier? Fotos über Entwickler und Film? Layouts auf einem Spiegelvordruck in Größe der Zeitungsseite? Korrekturen per Tipp-Ex, Schere, Radiergummi und Kleber? Unsere heutige NNN-Adresse ist der Mühlenhof. Sie ist längst beliebte Anlaufstelle für Leser mit ihren kleinen und großen Problemen, die es im täglichen Auf und Ab des Zusammenlebens gibt. Wir schreiben gern durch Ihre Anregungen auf eine Thema gebracht! Sabine Schubert und mich treffen Sie beim Recherchieren und in Gesprächen auch nach zwanzig Jahren "Zwischen Dünen und Strom".

Ab 10 Uhr können alle vorbeischauen

Montag ab 10 Uhr können alle Interessenten zu einem Besuch in unserer Redaktion in der Mühlenstraße (Mühlenhof) vorbeischauen. Wir wollen das Jubiläum 20 Jahre NNN in Warnemünde nutzen, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Auf Ihre Meinung und Anregungen sind wir sehr gespannt.

>> Ein komplettes Dossier mit Stimmen, Fakten und Wissenswertem rund um das Jubiläum finden Sie in Ihrer heutigen NNN.

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