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Lokales

12. Dezember 2017 | 07:40 Uhr

Mit Onkel Juri in der Pilotenkabine

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svz.de von
erstellt am 04.Apr.2011 | 08:04 Uhr

Rostock | Er war der erste Mensch, der in einem Raumschiff die Erde umrundete. Er war aber auch fürsorglicher Vater, liebenswerter Freund und charismatischer Redner. Ludmila Pavlova-Marinsky kannte den Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin, seit sie Kind war. Kurz nach seinem Weltraumflug 1961 begegneten sich ihre Familien und schlossen eine Freundschaft, die bis heute besteht. In ihrem neu erschienen Buch "Juri Gagarin - Das Leben" spricht Pavlova-Marinsky erstmals über ihre Erinnerungen an die einstige Symbolfigur der sowjetischen Raumfahrt. Bei der Yuris Night am 9. April in Rostock ist die Autorin Ehrengast.

Den meisten Menschen ist Gagarin als der erste Mensch im Weltraum bekannt. Sie kannten ihn auch privat. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Pavlova-Marinsky: Er war ein wunderbarer Mensch, der beste Freund meines Vaters. Von 1961 bis 1968 erlebte ich wunderschöne sieben Jahre mit Familie Gagarin. Er war sehr einfach, sehr sympathisch, hatte ein fantastisches Charisma. Ich habe meinen Onkel Juri nie böse erlebt. Ganz lieb, ganz nett - nur so kann ich ihn beschreiben.

Wie haben Gagarin und Ihr Vater sich kennengelernt?

Mein Vater war der erste Sekretär des sowjetischen Komsomols. Er lernte Gagarin nach seinem historischen Flug, also am 14. April 1961, beim staatlichen Empfang kennen. Die beiden waren sich sympathisch, sie verstanden sich sofort. Wenig später lernten sich unsere Familien kennen. Mit seinen Töchtern Jelena und Galja bin ich bis heute befreundet. Im Grunde genommen sind wir zusammen groß geworden.

Für Sie war Gagarin wie ein Onkel, Ihr Onkel Juri…

Im Juli 1967 sind wir von unserem letzten gemeinsamen Urlaub zurückgeflogen. Gagarin rief mich in die Pilotenkabine und sagte zu mir: Ich will dir meine Arbeit zeigen. Dann durfte ich mich auf den Pilotenplatz setzen. Das Flugzeug flog per Auto-Pilot. Wenn du da in diesem Sessel sitzt und hinter dir steht Gagarin - dann ist das etwas ganz Besonderes. Am Ende legte er seine Hände auf meine Schultern, weil ich vor Aufregung zitterte. Er sagte: Jetzt, Mädchen, siehst du den Himmel mit meinen Augen. Das war unvergesslich. Das war das beste Geschenk, das er mir gemacht hat.

Was hielt er von seiner Rolle als Friedensbotschafter der Sowjetunion, als Symbolfigur der Raumfahrt?

Er war ein sehr, sehr disziplinierter Mensch und machte jede Arbeit gut. Er entdeckte die Welt, besuchte verschiedenste Länder und wurde überall aufgenommen wie ein Gott - egal ob bei Königin Elisabeth, Che Guevara oder Fidel Castro. Für die Sowjetunion war er eine perfekte Visitenkarte. Er war jung, charmant und konnte reden. Doch am Ende sagte er: Ich will fliegen, ich bin ein Pilot.

Jahrelang kämpfte Gagarin fürs Fliegen und als er endlich wieder fliegen durfte, stürzte er ab. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Welche Theorie haben Sie?

Es gab andere Flugzeuge in der Zone, in der nur Gagarins Flugzeug fliegen durfte. Außerdem waren Wettersonden in die Atmosphäre geschickt worden, die für einen Flug sehr gefährlich sein können. Hinzu kamen falsche Wetterberichte - zufällig oder nicht, bleibt für mich offen. Verschiedene tragische Umstände führten zum Flugzeugabsturz. Es sollte sein erster selbstständiger Testflug nach Jahren des Wartens und Hoffens sein. Alle Prüfer sagten, er ist in Top-Form, er kann fliegen, er soll fliegen. Seit 1968 kam es zu keiner neuen Untersuchung, weil man meint, die Sache sei geklärt. Die offizielle Erklärung lautet: Die Piloten haben einen Fehler gemacht. Alle anderen waren mit dieser Theorie nicht einverstanden.

Halten Sie es für möglich, dass man ihn aus dem Weg schaffen wollte?

Das kann ich mir vorstellen. Das hat mein Vater immer gesagt. Natürlich gibt es keine Beweise dafür. Aber Gagarin ist unbequem geworden, weil er immer lauter Kritik übte an der sowjetischen Raumfahrtpolitik. Er war nicht mehr so beliebt bei der Parteiführung.

Sie waren 13 Jahre alt, als er starb. Wie haben Sie seinen Tod verkraftet?

An dem Tag, als mein Vater nach Hause kam und sagte, Onkel Juri ist tot, ist für mich die Welt zusammengebrochen. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: Nein, das kann nicht wahr sein. Dann vernichtete ich es, weil die Welt für mich nicht mehr in Ordnung war. Seitdem führe ich kein Tagebuch mehr. Am nächsten Tag schwänzte ich die Schule. Ich ging in die Stadt und erlebte, wie die Leute weinten. Solch eine Trauer habe ich in meinem Land nie zuvor und auch danach nie wieder erlebt. Es war der Verlust eines beliebten Helden.

50 Jahre nach seinem historischen 108-Minuten-Flug um die Erde bringen Sie diese Biografie heraus. Warum erst jetzt?

50 Jahre nach dem Flug, das ist meiner Meinung nach das passende Datum. Außerdem bin ich die Einzige, die Gagarin persönlich kannte und die noch kein Wort irgendwo gesagt hat. Ich habe immer gedacht, ich behalte es für mich. Aber als mir ein Kollege vorschlug, ein Buch darüber zu schreiben, und ich den Auftrag vom Verlag bekam, dachte ich dann doch: Okay, ich erzähle. Man muss die Schätze, die man hat, teilen. Mein Buch ist ein kleiner Spaziergang in der Vergangenheit, um klarzustellen, wer Juri Gagarin war. Sein Name gehört für mich zum Allgemeinwissen wie der von Christopher Kolumbus.

Welche Träume Gagarins sind unerfüllt geblieben?

Er wollte unbedingt auf den Mond fliegen. Damals gab es auch in der Sowjetunion ein Programm. Aber nach der amerikanischen Landung dort geriet es in Vergessenheit. Außerdem wollte Gagarin an einem Marsprogramm teilnehmen. Er sagte immer: Ich werde noch auf dem Mond landen, ich werde noch auf dem Mars spazieren gehen. Leider ging sein Traum nicht in Erfüllung.

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