Mit Hounds und Huskys durch das Lübzer Land

Streicheleinheiten: Andrea Kietzmann im Kreise ihrer Schlittenhunde Antje Bernstein
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Streicheleinheiten: Andrea Kietzmann im Kreise ihrer Schlittenhunde Antje Bernstein

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14. Juli 2010, 09:40 Uhr

Neu Benthen | Ungeduldig blitzen Manis Augen auf, als sie durch die Windschutzscheibe das Waldstück näher kommen sieht. Die Alaskan Husky-Dame steht aufgeregt auf der Sitzbank, während Frauchen Andrea Kietzmann den Kleinbus den holprigen Feldweg entlang an den Waldrand fährt. Hier nahe Karbow hat Andrea Kietzmann die ideale Route für ihre Hunde entdeckt: Zwischen weiten Feldern und schattigen Wäldern geht sie auf rasante Fahrt mit ihren Schlittenhunden.

Andrea Kietzmann stoppt den Bus, steigt aus und löst den Anhänger von der Kupplung. Aus dem Laderaum des Busses dringt Geheule - erst leise, dann immer lauter und im Chor. Die Schlittenhunde um Chefin Nima können es kaum erwarten, dass sich die Türen endlich öffnen. Doch noch ist es nicht soweit. Andrea Kietzmann muss Vorbereitungen treffen. Vom Anhänger holt sie den Schlittenhundewagen und schiebt ihn in Position. Sie bindet ein Stahlseil - den sogenannten Steak-Out - um einen kräftigen Baumstamm. Das andere Ende befestigt sie an einem Stahlpflock, den sie zuvor mit einigen Hammerschlägen in den Waldboden gerammt hat. Mit einem weiteren Seil verknotet sie Wagen und Kleinbus, damit sie später ihre Schützlinge anleinen kann, ohne dass diese gleich mit dem Wagen Reißaus nehmen können. "Man kann gar nicht so dumm denken, wie es kommen kann. Die Hunde haben eine Wahnsinnskraft. Jeder kleine Fehler kann da verheerende Folgen haben", sagt sie. "Ich bin eigentlich eher ein lockerer Mensch, aber die Hunde haben mir beigebracht, dass Sicherheit wichtig ist." Das Seil sitz. Andrea Kietzmann öffnet den Laderaum des Kleinbusses. Mit einem Satz springt Hündin Nima aus dem Bus, ihre Rudelkollegen bleiben noch in den Boxen. Kaum aus dem Auto, erkundet die Alaskan Husky-Dame prompt die Gegend. "Sie ist der Oberboss der Truppe", sagt Kietzmann lachend. Doch wenige Minuten Waldluft schnuppern müssen Nima reichen, dann geht es für die Hundedame zurück in den Bus. "Sie soll nur wissen, wo wir sind. Wir werden sie nachher nämlich hier zurück lassen", sagt Kietzmann. Während sechs ihrer Hunde mit auf die heutige Tour dürfen, müssen Nima und Mani im Auto warten.

Von der Hundeangst zur Rudelchefin

Für Flo und Titania ist die Wartezeit indes vorbei. Andrea Kietzmann holt die beiden europäischen Huskys aus ihren Boxen und leint sie am Steak-Out an. Die adrenalingeladenen Hunde können es kaum abwarten, ihrem Bewegungsdrang endlich freien Lauf zu lassen. Als einer der Karabinerhaken nicht richtig schließt, nutzt Titania die Gunst der Stunde und büxt aus. Blitzschnell rast sie in die Wiesen. "Titania, komm her", ruft Andrea Kietzmann. Abrupt legt die Hündin die Kehrtwende ein und trottet zu ihrem Frauchen zurück. "Jeder der Hunde kommt zurück, wenn ich ihn rufe", sagt Kietzmann. Das sei auch selbstverständlich, den trotz aller Gruppendynamik unter den Hunden: Als Musher - dem Hundeschlittenlenker - ist und bleibt Andrea Kietzmann der Leithund des Rudels.

An diese Rolle musste sich Andrea Kietzmann selbst erst langsam gewöhnen. Bis vor einigen Jahren hatte sie gar noch Angst vor Hunden, gibt sie freimütig zu. Dann kam Arthur in ihr Leben. Es sollte der Beginn einer großen Liebe werden. Der Irish Setter war es gewissermaßen auch, der die damalige Berlinerin zum Hundesport brachte. Als sie sich Arthur vor neun Jahren zulegte, stand sie schnell vor der Frage, wie sie den agilen Rüden bestmöglich auslasten kann. Oft hat sie sich auf Inlinern von Arthur durch die Straßen der Millionen-Metropole Berlin ziehen lassen. "Das war ganz schön gewagt",sagt sie rückblickend. Auch der Umstieg aufs Fahrrad war nicht minder riskant. Deshalb ist sie dann auch mit Arthur immer öfter aus der Großstadt Berlin ins ruhigere Umland gefahren. "So kam ich Stück für Stück langsam in Richtung Schlittenhunderennen", sagt Kietzmann. Hund um Hund kamen dazu. Sie begann, selbst zu züchten und hat mittlerweile ein 14 Hunde starkes Rudel. Jahrelang bot sie mit ihnen Schlittenhundetouren in der Altmark an. Nun verschlug es Kietzmann ins Lübzer Land. In einem alten Haus in Neu Benthen will sie den Neuanfang mit ihrem Rudel wagen, sich eine Schlittenhundefarm aufbauen. Mit ihren agilen Schützlingen will sie nicht nur Touristen und Einheimische auf rasanten Touren ein Erlebnis der besonderen Art bieten. Sie betreibt den Sport auch professionell, nimmt regelmäßig an Rennen teil - und das sehr erfolgreich: Sie ist amtierender Niedersachsenmeister in der 8-Hundeklasse und hat bei den Deutschen Meisterschaften in der 6-Hundeklasse den vierten Platz eingefahren.

Mit Sechsergespann auf Medaillenkurs

Ganz so rasant geht sie es bei ihren Schlittenhundeausflügen durch Wald und Flur zwar nicht an, doch auch hier ist den Mitfahrern der Adrenalin-Kick sicher. Mit sechs Hunden will Andrea Kietzmann ihre heutige Tour starten. Das rote Geschirr kann die Tiere kaum noch im Zaum halten. Aufgeregt springen sie vor dem Wagen umher, vor den sie die Musherin gespannt hat. Andrea Kietzmann steigt auf. "Achtung. Okay" ruft sie den Hunden zu. Kaum hat sie die Worte ausgesprochen, gibt es für das Sechsergespann kein Halten mehr. Mit kraftvollen Sätzen wetzen sie los, wirbeln mit ihren Pfoten den lockeren Waldboden auf. Bäume, Sträucher und Wiesen fliegen vorbei. "Wir dürften etwa 40 Kilometer pro Stunde drauf haben", sagt Kietzmann. Sie gibt dem Sechserpack kurze Kommandos, dirigiert sie so die Strecke entlang. An einer Ausbuchtung am Wegesrand setzt sie schließlich zur Wendung an. Weil der Platz für eine Wendeschleife fehlt, muss sie absteigen und ihre Hunde beim Umdrehen unterstützen. Sie richtet das Gespann in entgegengesetzter Richtung aus, schiebt den schweren Wagen wieder in die Spur. Und weiter geht die wilde Fahrt.

Hin und wieder gönnt Andrea Kietzmann Titania, Ophelia und Co. kleine Verschnaufpausen und lässt die Hunde langsam durch den Wald traben. "Ab gewissen Temperaturen muss man aufpassen, dass sie es nicht übertreiben", sagt Kietzmann. Gerade im Sommer seien solche Touren nur in den Morgenstunden möglich. Lange aber halten die Hounds und Huskys den Müßiggang nicht durch. Sie setzen zum Endspurt an. Erschöpft aber glücklich erreichen sie den Kleinbus. Das Gebell von vor einer halben Stunde hat sich in lautes Gehechel verwandelt. Andrea Kietzmann reicht ihren Schützlingen Wasserschüsseln. Gierig stürzen sich die Hunde darauf. Nach kurzer Verschnaufpause kehren sie bereitwillig in ihre Boxen im Kleinbus zurück. Andrea Kietzmann tritt den Heimweg an. Doch lange wird es ihre wilde Rasselbande nicht auf dem Neu Benthener Hof halten. Die nächste rasante Schlittenhundefahrt durch das Lübzer Land steht schon bevor.

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