zur Navigation springen

Zeitungszusteller in Grabow : Mit dem Fahrrad zwei Mal um die Welt

vom

Um 1 Uhr nachts wacht Arnoldt Traband auf, die Bündel liegen dann manchmal schon vor seiner Haustür. Der 77-Jährige trägt die Pakete zu seinem Fahrrad, lädt sie auf und fährt durch die finstere Grabower Nacht.

Um 1 Uhr nachts wacht Arnoldt Traband auf, die Bündel liegen dann manchmal schon vor seiner Haustür. Der 77-Jährige trägt die Pakete zu seinem Fahrrad, lädt sie auf und fährt durch die finstere Grabower Nacht. Vier Stunden, 80 Briefkästen und 16 Kilometer später ist er wieder in seiner Wohnung. Erschöpft setzt er sich in seinen Sessel und liest, was er heute bereits 80-mal in den Händen hielt, bevor er sich wieder ins Bett legt, wie jeden Tag. Arnoldt Trabandt ist Zusteller der Schweriner Volkszeitung und das seit fast 14 Jahren.

Geboren am 4. Mai 1934 in Schwerin, lernte Trabandt bereits früh mit Technik umzugehen und absolvierte eine Lehre als KFZ-Schlosser, bevor er von 1952 bis 1984 in seiner Heimatstadt bei der Deutschen Reichsbahn der DDR in der Lokinstandsetzung tätig war. Nach der politischen Wende musste er nach eigenen Worten noch einmal zwei Jahre lang die Schulbank drücken, bevor er in Berlin als Sicherheitsposten arbeiten durfte - und das bis zur Rente 1997.

Aber auch das war nur ein Ruhestand auf Zeit. Wie seine Frau Irmgard berichtet, hat Arnoldt Trabandt unruhige Beine, kann also nicht still sitzen und braucht einfach eine Beschäftigung. Kurz nachdem sie 1997 nach Ludwigslust gezogen waren, begann ihr Mann dort die SVZ auszufahren. Auch als sie zwei Jahre später nach Grabow umzogen, blieb er seiner neuen Arbeit treu. Schließlich "muss von irgendwas ja der Schornstein rauchen", wie Arnoldt Trabandt selbst sagt.

Nachts einigen seltsamen Gestalten begegnet

Geschichten könnte er viele erzählen, so der sportliche Rentner. Im Ludwigsluster Schlosspark und auch später in Grabow sei er nachts immer "einigen seltsamen Gestalten" begegnet. "Aber das hat sich in letzter Zeit gelegt. In Grabow musste ich auf meiner Route früher immer an einer Kneipe vorbei. Mitunter standen die Lautsprecherboxen auf der zwei Meter breiten Straße. Einige Male wollten die mich fangen." Einmal, so erzählt Trabandt weiter, habe ihn ein durch Drogen Berauschter an die Wand gedrückt. "Der wusste gar nicht mehr, wo er ist. Dem hab ich fest in die Augen geguckt, und dann hat er mich losgelassen".

Inzwischen geht es aber auch in Grabow wesentlich ruhiger zu. Außergewöhnliches passiert nur, wenn einmal eine Zeitung fehlt, oder wenn aggressive Hunde das Ausliefern erschweren. Insgesamt aber sei es "ruhig und menschenleer", beschreibt Trabandt seine nächtliche Tour. Nur beim Fleischer brenne meist Licht. "Oder ältere Leute, die nicht schlafen können und auf ihre Zeitung warten, sitzen schon um 4 Uhr hinter ihrer Gardine."

Freitags muss er eine Doppeltour machen, weil die Werbeprospekte die Zeitungen so schwer machen, dass sie nicht auf einmal komplett transportiert werden können. "Dann fahre ich schon mal zwei bis drei Zentner plus Werbung", sagt Trabandt. Da sei es kein Wunder, dass im Laufe der Jahre schon einige Fahrräder diese Strapazen nicht durchgehalten haben. Allein drei verschiedene funktionierende stehen im Moment in seinem Keller.

Ein Postfahrradgepäckträger bricht eben nicht

Auch als Zeitungszusteller kommt dem Rentner sein handwerkliches Geschick zugute. Schon oft musste er seine Tour unterbrechen, da ein Schlauch geplatzt oder ein Gepäckträger gebrochen war. Doch nie mussten die Leute auf ihre Zeitung verzichten. Und seitdem er auf dem Sperrmüll den ausrangierten Gepäckträger eines "Postfahrrads" gefunden hatte, ist zumindest letzteres Problem nie mehr vorgekommen. Ein Postfahrradgepäckträger bricht eben nicht.

Anderes dagegen schon. Im letzten Winter war Trabandt schwer gestürzt und hatte seine Brille zerbrochen. Nie gebrochen wurde dagegen sein Wille, "die Tour" zu machen. - jedes Mal immer vier Stunden, 80 Briefkästen und 16 Kilometer. Seine Frau Irmgard findet das nicht nur gut: "Seit zehn Jahren waren wir nirgendwo mehr, auch nicht im Urlaub", erklärt sie. Immer sage er, er müsse los, die Zeitung austragen. Und wenn es nach Arnoldt Traband geht, dann möchte er das auch noch ein Jahr tun - dann sei endgültig Ruhe. "Viele Leute schütteln den Kopf und sagen, ich sei verrückt, in dem Alter noch Zeitungen auszufahren. Aber der Schlaf auf Raten und alles andere ist für mich kein Problem, mein Körper kennt keinen Ausfall." Er werde Zeitungen ausfahren, "solange mich meine Knochen tragen", fügt er hinzu und schaut seine Frau an, mit der seit nunmehr 56 Jahren verheiratet ist. Auch sie glaubt ihm wohl nicht endgültig und entgegnet: "Wenn es ihm Spaß macht, dann wird er wohl bis 80 fahren." Zu wünschen ist es ihm.

Im Übrigen kommt er in all den Jahren auf eine respektable Fahrstrecke: sechs Tage die Woche jeweils 16 Kilometer, mal 52 Wochen, mal 14 Jahre, das sind rund 70.000 Kilometer und das entspricht damit fast zwei Mal dem Äquatorumfang der Erde. Wenn er noch drei Jahre fahren sollte, schafft er vielleicht noch 82.000 Kilometer und damit gleichsam zwei Mal um die Welt.

zur Startseite

von
erstellt am 27.Dez.2011 | 10:24 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen