Mit 1,0 am Gymnasium durchgefallen

'Das Land braucht mehr junge Lehrer, doch wir sind nicht gewollt', lautet der Vorwurf abgewiesener Referandariatsbewerber. zvs
"Das Land braucht mehr junge Lehrer, doch wir sind nicht gewollt", lautet der Vorwurf abgewiesener Referandariatsbewerber. zvs

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17. März 2010, 08:20 Uhr

Schwerin | Die Note 1,0 in Deutsch/Geschichte hat nicht gereicht und auch nicht die 1,2 in Mathe/Chemie. Zwei Beispiele von 222 angehenden Lehrerinnen und Lehrern, die sich beim Bildungsministerium um ein Referendariat an Gymnasien in MV beworben und eine Absage erhalten haben: Es gab 34 Stellen bei 256 Bewerbungen. Selbst Bestnoten im ersten Staatsexamen und Sozialpunkte wie Kinder oder Heiratsurkunden führten nicht in den zweijährigen Vorbereitungsdienst, der für den Weg in den Lehrerberuf gesetzlich verlangt ist. Die Studenten sehen sich mit dem Rücken an der Wand: Der Staat habe das Monopol zur Ausbildung und verweigere sie ihnen.

Die Betroffenen suchen Beistand bei den Fraktionen im Landtag und Verbündete in der Elternschaft. Ihr Vorwurf: Lehrerkollegien vergreisen und der Nachwuchs erhält keine Chance. Sie wollen Bildungsminister Henry Tesch (CDU) beim Wort nehmen und pochen auf die Verheißungen des Junglehrerprogramms, mehr zu tun für die Zukunft des Lehrerberufes. "Eine Farce", urteilen die enttäuschten Bewerber. Liebend gern würden sie im Land bleiben, das ihnen nun jedoch gewissermaßen den Stuhl vor die Tür setzt. Die Auswahlverfahren der Vorjahre nährten Hoffnungen: Bislang hatten Bewerber mit einem Durchschnitt unter 2,0 den Zuschlag für das Referendariat so gut wie sicher.

Erwartungen aus den Vorjahren

Zudem kreiden die enttäuschten Lehramtsanwärter dem Bildungsministerium an, die Richtlinien für die Ausbildung überraschend kurzfristig geändert zu haben: Künftig müsse der Referendar eigenverantwortlich 12 Stunden pro Woche unterrichten. Zwei billige Referendare pro Schule könnten den erfahrenen, teuren Lehrer ersetzen, mutmaßen sie.

Diesen Vorwurf weist das Ministerium zurück: Schon immer mussten Referendare eigenverantwortlich unterrichten: Bislang je acht Stunden in 60 Schulwochen. Nach den neuen Festlegungen seien es 12 Stunden in 40 Wochen. "Unterm Strich ist es bei 480 geblieben", sagt Dietrich Schwarz, Referatsleiter Dienstrecht. Der Jurist verweist auf Paragraf 12 im Grundgesetz, der Berufsfreiheit garantiere. Daraus lasse sich schon ein Anspruch auf Ausbildung, sprich Referendariat, ableiten, "doch grundsätzlich nicht in einem bestimmten Land und in einer bestimmten Frist". Es gebe auch in anderen Berufsgruppen teils lange Wartelisten.

Laut Ministerium lag die Zahl der Referendariate im Land in den vergangenen Schuljahren immer bei 340, aufgeteilt nach den fünf Schularten. Jeweils 170 wurden jeweils am 1. April neu besetzt, davon oft rund 80 an den Gymnasien. "Bei einer steigenden Zahl von Bewebern und immer besseren Noten", sagt Uwe Viole, Referatsleiter Lehrerbildung, und nennt Bewerberzahlen für 2007 - 151, 2008 - 202 und 2009 - 221.

In diesem Jahr sei "ein radikaler, kurzfristiger, doch unausweichlicher Paradigmenwechsel" vollzogen worden. Erstmals habe der Bedarf entschieden - grundsätzlich bis 2020 ermittelt in einer Arbeitsgemeinschaft, konkretisiert durch die vier Schulämter. "Daraus ergab sich bei der diesjährigen Ausschreibung der Schwerpunkt Grundschule, wo ja auch die Teilzeitbeschäftigung zu Ende geht", sagt Uwe Viole. Alle 48 Grundschul-Stellen konnten vergeben werden, zudem 29 Stellen für Sonderpädagogik, 30 für Haupt- und Realschulen und 16 für Berufliche Schulen. Zum 1. April standen also 157 Stellen zur Verfügung, weitere 34 werden zum 1. Juli vergeben.

"Bedarfsgerechte Ausbildung"

Um Ablehnungswellen einzudämmen, plädiert das Ministerium für eine "bedarfsgerechtere Lehrerausbildung" und weist auf ein Ungleichgewicht hin: 2009 wurden 3300 Studentinnen und Studenten im Lehramt Gymnasium gezählt, für Haupt- und Realschulen waren es 700, für Grund- und Hauptschulen 350.

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