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Lokales

18. Oktober 2017 | 20:51 Uhr

Mister Unternehmerverband sagt tschüs

vom

svz.de von
erstellt am 23.Sep.2010 | 10:15 Uhr

Rostock | Dr. Ulrich Seidel wird heute im Rathaus aus seiner Funktion als Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Rostock und Umgebung verabschiedet. 17 Jahre hat er die Geschicke des Verbandes maßgeblich geprägt. Dietmar Tahn hat den 65-Jährigen nach seiner Bilanz und seinen Absichten für die Zukunft befragt.

Ulrich Seidel und der Unternehmerverband Rostock und Umgebung - das sind Synonyme. Die Arbeit als Geschäftsführer ist ein Stück Ihres Lebenswerks. Wie schwer fällt der Ausstieg?

Seidel: Es sind Emotionen dabei, das ist eindeutig. Diese Tätigkeit war für mich kein Job, um Geld zu verdienen. Dieser Verband ist für mich ist wie ein Kind, das ich mit aufgezogen habe.

Wie war Ihr Start in dieses Amt?

Schwierig. Als ich 1993 begann, hatte der Verband viele Schulden und nicht einmal 60 zahlende Mitglieder. Uns ging es sehr schlecht. Dass die Situation so prekär war, wusste ich vor meinem Amtsantritt nicht. Da ist mir etwas anderes offeriert worden. Ich gebe zu, dass ich schon geschockt war. Ich kann heute ganz ehrlich sagen, dass ich damals zu stolz gewesen bin, die Sache gleich wieder hinzuschmeißen und etwas anderes zu machen. Wir haben dann langsam aufgebaut. Ich denke, der Stellenwert in der Region, die Ansprechbarkeit und das Nutzen von Netzwerken haben sich gut entwickelt. Da erreichten wir zusammen eine Menge. Ich bin schon stolz, dass ich einen stabilen Verband mit verlässlicher Basis - sowohl in organisatorischer als auch in betriebswirtschaftlicher Linie - übergebe.

Das drückt sich wie aus?

Wir sind kreditfrei, wir haben ein eigenes Haus und immerhin 546 Mitglieder.

Hatten Sie Gedanken ans Weitermachen?

Zunächst ist mir wichtig, dass mich keiner unter dem Motto "Du bist in dem Alter, es wird Zeit" angesprochen hat. Ich wollte schon vor zwei Jahren einen Nachfolger suchen, um ihn dann einarbeiten zu können. Es gab jemanden, aber der hat den Draht zu den Mitgliedern nicht so gefunden. Ich hätte mir eine solche Begleitung durch mich mit langsamem Zurückziehen vorgestellt. So gesehen war es langfristig geplant, dass ich aufhöre. Deshalb war es mein eigener Wille.

Aber der Kontakt bleibt doch sicher?

Selbstverständlich. Ich werde über einen Zeitvertrag ein Interreg-Projekt betreuen, in dem alle Ostsee-Anrainerstaaten vertreten sind. Deshalb behalte ich auch noch einen Stuhl im Haus, aber ich will mich nicht in die Geschäftsführung einmischen.

Wenn Sie noch einmal zurückblicken: War es damals richtig, einen solchen Verband zu installieren?

1993 war das dringend nötig. Denn in den großen Betrieben gab es viele Abteilungen, beispielsweise für Recht, für Organisation, für Patente. Aber diese Strukturen sind zusammengebrochen, weil diese großen Firmen aus DDR-Zeiten so keineswegs überleben konnten. Die daraus hervorgehenden oder sich neu gründenden kleineren und mittleren Betriebe standen auf einmal hilflos da. Sie hatten diese Overhead-Funktionen nicht. Aber allein konnten sie sich diese Strukturen keineswegs leisten. Deshalb brauchten sie Unterstützung und Beratung auf diesen Gebieten, die sie nicht jedes Mal finanzieren mussten. Und genau diese Funktion übernahm unter anderem der Unternehmerverband. Das war in der ersten Zeit sehr wichtig, um überhaupt Mitglieder zu bekommen. In der zweiten Hälfte der 90-er Jahre hat sich dann ein weiteres Feld aufgetan, denn es gab die ersten Konkurse. Da mussten wir als Verband beraten und helfen. Und selbstverständlich ging es um die Herstellung von Kontakten der Firmen untereinander.

Ist der Unternehmerverband denn eine zukunftsträchtige Vereinigung?

Seit Jahren rede ich darüber, dass sich die Aufgaben der Verbände und der einzelnen Kammern wandeln werden. Auch durch die Europäische Union. Wir brauchen künftig eine wirtschaftspolitische Vertretung für die Firmen. Ich bin überzeugt, dass wir über Strukturen in den kommenden Jahren sehr intensiv nachdenken müssen. Zum Beispiel, welche Mitwirkungsleistung bei den Firmen gefragt ist. Wir müssen als Multiplikator der vor allem mittelständischen Unternehmen ein noch wichtigerer Ansprechpartner für die Politik sein.

Gab es in Ihrer Zeit als Geschäftsführer eine Entscheidung, die Sie als am schwierigsten bezeichnen?

Das sind zwei Konkursgeschichten, die Namen der Firmen will ich nicht nennen. Da ging es darum, jenseits der menschlichen Seite eine rein sachliche Beurteilung über die Zukunftsfähigkeit des jeweiligen Unternehmens abzugeben. Und das waren Entscheidungen, die innerlich zerreißen.

Aber es gab sicher auch die schönste Entscheidung?!

Wir hatten, als die Unternehmenssteuerreform diskutiert wurde, von der Interessengemeinschaft Ostdeutschland und Berlin ein Papier zu diesem Thema für das Kanzleramt erarbeitet. Und Grundzüge fanden wir dann in den späteren Festlegungen wieder.

Halten Sie es durch, jetzt wirklich ruhiger zu treten?

Ja. Ich will nicht etwa nur im Schaukelstuhl sitzen. Aber ich möchte mir Muße gönnen. Das heißt, mir Zeit nehmen für Projekte, mir aussuchen, was ich machen will. Garantiert plane ich keinen Unruhestand, sondern mehr Reisen und vor allem mehr Zeit für meine Frau Inge und die ganze Famlie - eine Töchter Katja und Anke, die mich jetzt gerade zum zweiten Mal zum Opa gemacht hat. August-Maximilian ist am vergangegen Sonnabend in Berlin geboren.

Auf welche Muße freuen Sie sich am meisten?

Es sind mehrere. Auf Lesen. Zudem habe ich mir ein kleines Schiff angeschafft, das ich auch nutzen werde. Dann will ich den Freundeskreis besser pflegen. Und sportliche Betätigung habe ich mir vorgenommen. Übrigens bin ich schon angesprochen worden, ob ich jetzt nicht wieder aktiv Schach spielen möchte wie vor Jahren, aber wettkampfmäßig mache ich das sicher nicht. Aber als Hobby schon.

Sie sind für die FDP in der Rostocker Bürgerschaft. Denken Sie jetzt, hätte ich mich dafür nur nicht aufstellen lassen?

Nein. Die Arbeit in der Bürgerschaft ist und bleibt für mich wichtig. Es ist eine Aufgabe und eine Verantwortung. Für mich ist das ja in der neuen Situation nun vielleicht auch einfacher als für andere. Ich muss die Welt nicht mehr einreißen und brauche ja auch keinen Job. Ich möchte in der Bürgerschaft vor allem vermitteln für sinnvolle Lösungen im Sinne der Rostocker.

Zur Person: Ulrich Seidel

Geburtsdatum:

  • 6. Februar 1945 in Sassnitz/Rügen


Familienstand

  • verheiratet, zwei Töchter Anke und Katja, zwei Enkelkinder Magreta und August Maximilian

Ausbildung
  • 1963 Abitur an der Ernst-Moritz- Arndt Oberschule Bergen/ Rügen

  • bis 1965 Lehre als Elektromonteur im Elektro-Anlagenbau Sassnitz

  • bis 1971 Studium der Fachrichtung Leistungselektronik/Regelungstechnik an der Universität Rostock

Praktische Tätigkeiten:

  • 1972 bis 1974 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Rostock, Sektion Technische Elektronik, Bereich Automatisierungstechnik

  • 1974 bis 1986 Projektierungsgruppenleiter für Schiffsautomatisierungsanlagen im VEB Schiffselektronik Rostock

  • 1986 bis 1989 Abteilungsleiter Forschung und Entwicklung für Schiffsautomatisierungsanlagen im VEB Schiffselektronik Rostock

  • 1990 Leiter Planungsbüro für Elektro- und Automatisierungsanlagen

  • September 1990 bis September 1991 Leiter des Institutes für Umwelttechnik an der Universität Rostock

  • danach bis März 1993 Amtsleiter für Wirtschaftsförderung der Hansestadt Rostock

  • seit April 1993 Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Rostock und Umgebung weiterhin:

  • nebenberuflicher Dozent an der Universität Rostock

  • mehrfacher Patentinhaber

  • seit 1993 Mitinhaber von zwei Firmen

  • seit 1995 Sprecher der Unternehmerverbände der neuen Bundesländer

  • seit 1996 Gutachter des Fraunhofer Institutes für Entwicklungsprojekte des Bundesministeriums Wirtschaft
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