Messerstecher kommt in geschlossene Anstalt

Fassungslos stehen Helfer bei einem der Opfer.Georg Scharnweber
Fassungslos stehen Helfer bei einem der Opfer.Georg Scharnweber

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15. Februar 2010, 07:00 Uhr

Rostock | Bestürzung und Fassungslosigkeit nach der Bluttat im Rostocker Stadtteil Groß Klein. Ein 32-jähriger Nachbar im Haus am Kleinen Warnowdamm schüttelt mit dem Kopf und sucht nach Erklärungen für das Unbegreifliche. "Eigentlich fiel er nie weiter auf. Er galt als Einzelgänger", sagt er über Ulrich W., der am Sonntag kurz nach 14.20 Uhr erst den 67-jährigen Heinz-Dieter J. und dann die 66-jährige Hanna G. H. auf der Straße erstochen und einen Polizeibeamten schwer verletzt haben soll.

Der Nachbar erzählt weiter, er habe die Taten selbst von seinem Fenster aus gesehen. Niemand habe eingegriffen. Doch einige alarmierten die Polizei. "Ich habe auch mit mir gerungen, ob ich eingreifen soll, aber als ich gesehen habe, wie sich die Opfer auf dem Boden wälzten, und sich die Blutlachen auf dem Schnee ausbreiteten, war ich starr vor Schock", berichtet der Mann.

Auch in der Rostocker Staatsanwaltschaft suchte man gestern auf Antworten nach dem Warum. "Nach dem Ergebnis der ersten Ermittlungen ist der Beschuldigte seit seiner Jugend psychisch erkrankt", versucht Oberstaatsanwalt Peter Lückemann eine Erklärung. Ein geplanter Amoklauf würde nach derzeitiger Kenntnislage ausscheiden.

Der 50-jährige offenbar verwirrte Messerstecher soll "Stimmen aus dem All" gehört und bei seinen Angriffen Wortfetzen aus Bibeltexten gerufen haben, berichten Zeugen.

Ohne ersichtlichen Grund war der Mann am Sonntag vom Balkon seiner Erdgeschoss-Wohnung gesprungen und hatte mit einem Küchenmesser mit einer etwa 15 Zentimeter langen Klinge auf den vorbeigehenden Rentner Heinz-Dieter J. eingestochen. Dann zog sich der Angreifer zurück, um noch einmal zurück zu kommen, als Hanna G. H. dem Schwerverletzten helfen wollte. Die 66-jährige Helferin starb noch am Tatort an den mehr als zehn Messerstichen in Rücken, Armen und Gesicht.

Heinz-Dieter J. erlag nur wenig später seinen schweren Verletzungen im Rettungswagen. Auch ein 49 Jahre alter Polizeibeamter, der zur Hilfe eilte, wurde mit einem tiefen Stich in den Oberkörper verletzt, ist aber nicht in Lebensgefahr. Erst ein Schuss in den rechten Oberschenkel stoppte endlich den Angreifer, der sein Messer fallen ließ. "Nach Angaben von Zeugen soll seine psychische Erkrankung aktuell fortbestanden und er ärztliche Hilfe und medikamentöse Versorgung abgelehnt haben", berichtet Peter Lückemann. Der Oberstaatsanwalt spricht von wirren Äußerungen des Beschuldigten während der Taten, "die auf eine Begehung im Zustand aufgehobener oder verminderter Schuldfähigkeit" hindeuten würden.

Wegen des festgestellten Geisteszustandes des Beschuldigten hat die Staatsanwaltschaft Rostock gestern bei dem Haftrichter des Amtsgerichts Rostock die einstweilige Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus beantragt. Dem Antrag der Staatsanwaltschaft entsprechend ordnete der Haftrichter am Nachmittag die Unterbringung in die geschlossene Abteilung an. Zuvor hatte der Messerstecher die Verbrechen gestanden.

Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hat gestern den verletzten Polizisten im Krankenhaus besucht. Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus.

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