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Lokales

15. Dezember 2017 | 22:50 Uhr

Merle kämpft um jedes Gramm

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erstellt am 04.Mai.2010 | 07:49 Uhr

Rostock/Güstrow | Gerade mal 800 Gramm wiegt Merle Charlott Larisch, als sie am 10. März in der Rostocker Südstadt-Klinik 14 Wochen zu früh und per Kaiserschnitt zur Welt kommt. 34 Zentimeter ist sie groß. "Merle Charlott gehört zu den extrem unreifen Frühgeborenen", sagt Dr. Dirk Olbertz, Chefarzt der Neugeborenen-Intensivmedizin. Doch über dem Brutkasten, in dem das Mädchen seit acht Wochen liegt, schwebt seit dem 5. April ein knallroter Herzlufballon, auf dem steht: "Merle Charlott Larisch wiegt schon 1005 Gramm."

"Jedes Gramm, das sie zunimmt, ist für uns ein Grund zum Feiern", sagt Monique Larisch. Tag für Tag bringt die Güstrowerin abgepumpte Muttermilch zu ihrer Tochter, fährt 45 Kilometer hin und zurück, um für einige Stunden in der Nähe von Merle Charlott zu sein. Auch ihr Mann Maik möchte keinen Tag mit der Tochter missen. Zu Hause in Güstrow halten es die Eltern kaum mehr aus. In Gedanken sind sie immer bei ihrem einzigen Kind im Zimmer 4 der Frühgeborenenintensivstation. "Wir leben ständig mit der Angst, dass noch was Schlimmes passiert", sagt die Mutter. "Und wenn sich dann auch noch die Krankenkasse quer stellt."

Monique und Maik Larisch haben bei der DAK einen Antrag auf Fahrtkostenerstattung gestellt. Die Kasse lehnte ab. Begründung: Die durch Besuchsfahrten von Angehörigen entstehenden Kosten sind grundsätzlich der allgemeinen Lebensführung zuzurechnen und deshalb nicht von der Krankenkasse zu übernehmen. Selbstverständlich bezahle die DAK die Kosten für eine Klinikunterbringung der Mutter, wenn das medizinisch erforderlich sei, sagt Gerd Reinartz, Sprecher der Krankenkasse in MV. Für Sachtransporte - egal ob Organe, Blut oder Muttermilch - "gibt es keine gesetzliche Grundlage".

Dabei ist die Muttermilch wichtig für die kleine Merle Charlott, weil sie am verträglichsten ist. Und auch auf den täglichen Besuch ihrer Eltern kann sie nicht verzichten. "Ohne die können wir nichts machen", sagt der Chefarzt. Es sei erwiesen, dass das so genannte Känguruh-Kuscheln, bei dem das Frühgeborene bei den Eltern auf der Brust liegt, gut tut. "Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Atmung dadurch stabiler wird", sagt der Mediziner. Außerdem entwickle sich dadurch die emotionale Bindung zu den Eltern. Und auch für die Eltern sei es wichtig, dass sie aktiv etwas tun können und sicher werden im Umgang mit ihrem Baby. "Das sind Voraussetzungen für eine frühzeitige Entlassung", sagt Olbertz. Und die sei wiederum kostenrelevant. Das Einzugsgebiet der Klinik reicht weit über 45 Kilometer hinaus. Viele Eltern hätten das Glück, dass ihre Krankenkasse die Fahrtkosten übernehme, sagt Olbertz. Aus eigener Erfahrung sei das sogar die Mehrzahl.

"Bei Intensivfrühchen stärken wir die Mutter-Kind-Beziehung mit allem, was dazu gehört", sagt Markus Juhls, Sprecher der AOK in MV. "Bis hin zum täglichen Kuscheln." Die Fahrtkostenerstattung sei eine Einzelfallentscheidung, Entscheidungskriterium die medizinische Notwendigkeit, die das Krankenhaus bestätigen muss.

Dass die DAK in ihrem Fall Nein gesagt hat, ist den Eltern von Merle Charlott unbegreiflich. Zumal die Kasse sich "Unternehmen Leben" nennt. "Und das, was da auf meiner Brust liegt, lebt", sagt Monique Larisch. Nun hat die 31-Jährige Widerspruch eingelegt. Hoffnung, dass die Antwort dieses Mal positiv ausfällt, hat sie nicht. Trotzdem will sie weiter kämpfen und auf diesen Missstand aufmerksam machen. "Ich mache das für meine Tochter und für alle anderen Frühchen", sagt sie.Mittlerweile hat Merle Charlott die 1425-Gramm-Marke geknackt. Doch auch wenn sich das Mädchen bislang positiv entwickelt hat, bleibt bei den Eltern die Angst. "Am liebsten hätten wir von den Ärzten gehört: Alles wird gut", sagt Monique Larisch. Aber diese Zusage kann ihnen keiner geben.

Erst wenn die Körperfunktionen stabil sind, Merle Charlott selbstständig Nahrung zu sich nehmen kann, wird sie nach Hause können. Als Orientierung dient der errechnete Geburtstermin: der 13. Juni. "Wir sind nicht sehr viel schneller als die Natur", sagt Olbertz. Bis dahin legt die Schwester Merle Charlott jeden Abend in den warmen Brutkasten zurück, der den Mutterleib ersetzt. Doch bevor sie sich von ihrem Baby verabschieden, lesen Monique und Maik Larisch ihr noch eine Geschichte vor.

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