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Sieben Jahre Rechtsstreit um Neuhofer See : "Mein Vater würde mich umarmen"

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Harald Thies sitzt auf seiner Couch und blickt auf Akten: Ja, er besitzt den Neuhofer See. Sieben Jahre lang hat er dafür mit der Bundesrepublik Deutschland gestritten. Der See gehörte einst seinem Großvater.

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erstellt am 16.Jan.2011 | 08:22 Uhr

Langen Jarchow | Harald Thies ist aufgewühlt. Er sitzt auf seiner Couch im Wohnzimmer und blickt auf Akten: Ja, er - oder vielmehr die Erbengemeinschaft, zu der er gehört - besitzt den Neuhofer See. Das weist ein Grundbucheintrag vom Amtsgericht aus. Sieben Jahre lang hat der Langen-Jarchower dafür mit der Bundesrepublik Deutschland gestritten. Der See gehörte einst seinem Großvater, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet. Eine Odyssee über Jahrzehnte, die für die Familie der Fischer im Ort vorerst ein gutes Ende findet.

Im Jahre 1938 habe sein Großvater, der Fischer Wilhelm Thies, den See vom Neuhofer Gutsherren erworben. So steht es in einer Urkunde mit Hakenkreuz. 116 Hektar seien es damals gewesen.

Nach der Nazi-Zeit sei der See - wie alle Flächen über 100 Hektar in der sowjetischen Besatzungszone - enteignet worden. Zeit der Bodenreform. 1953 sei er als "Eigentum des Volkes" wieder augetaucht. Harald Thies hat in verschiedenen Archiven recherchiert, fand heraus: "Die sowjetischen Besatzer hätten vorher enteignen müssen", so Thies. Das sei aber nicht geschehen. So führe ein formaler Fehler vor 65 Jahren dazu, dass die Thies-Erben den See zurückbekommen. Das Landesamt für offene Vermögensfragen habe der Familie den See in einem Verwaltungsverfahren jetzt zugesprochen. So kann Harald Thies auch nicht verstehen, warum der Neuhofer See immer noch in Besitz-Listen der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) auftaucht, die Flächen für den Bund verwaltet (SVZ berichtete).

Die BVVG habe ihm die Rückübertragung des Sees sehr schwer gemacht, erzählt Thies. Bereits vor rund 20 Jahren habe sein Vater einmal versucht, den See wieder in Familienbesitz zu bringen - vergebens. 2003 setzte der heute 53-jährige Sohn erneut an. Nun endlich habe es geklappt.

Harald Thies geht am Ufer des Sees entlang. Bis Mitte der 1990er-Jahre sei er selbst Fischer gewesen. "Es hat sich aber nicht mehr gelohnt." Sein Vater, Herbert Thies, sei Zeit Lebens dem See und den Fischen verbunden geblieben, bis er starb. Was er wohl heute empfände? "Mein Vater würde mich umarmen", sagt Harald Thies. Er ist ein kraftiger Mann; seine Augen werden feucht, wenn er über den Schilfgürtel blickt.

Thies: Wasser wurde mehrere Male abgesenkt

Leider sei der See nicht mehr das, was er mal war, erklärt der Langen-Jarchower. "Er war mal gut 4,50 Meter tief - durchweg." Doch in den Jahren 1957 und 1968 und gerade erst wieder sei der Neuhofer See künstlich abgesenkt worden. Zusammen etwa 80 Zentimeter, schätzt Thies. Daher sei die Fläche des Gewässers auch erheblich verringert. Früher habe das Wasser fast bis ans Haus gestanden, heute muss der 53-Jährige den Fischen eine kleine Strecke entgegengehen. 97,7 Hektar - so weist die BVVG die Fläche aus. Wahrscheinlich sei es sogar noch weniger, so Thies.

Harald Thies fährt wieder mit dem Boot auf den See hinaus, beobachtet Fische. "Beim Barsch ist hier früher ein super Bestand gewesen", sagt er. Das sei vorbei. "Der Hecht sieht gut aus." Für ihn steht fest: "Ich werde angeln gehen."

Als Fischer könne und wolle er nicht mehr am Neuhofer See arbeiten. Flächen des früheren Fischereibetriebes seien bereits verkauft. Und: Leben könne man davon eben nicht. Vielleicht werde der See weiter an einen anderen Fischer verpachtet. Das wolle er mit den anderen Erben klären.

Kurios: Während die Fläche des Neuhofer Sees zum Kreis Nordwestmecklenburg gehört, zählt das Ufer zu Parchim. Die öffentliche Badestelle in Langen Jarchow solle jedenfalls erhalten bleiben. Dabei ist Harald Thies klar, dass er jetzt auch Verantwortung trägt. "Ich muss Schilder aufstellen", sagt er. Baden auf eigene Gefahr.


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