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Lokales

18. November 2017 | 05:51 Uhr

Mehr Bedürftige, geringeres Angebot

vom

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erstellt am 15.Nov.2013 | 10:53 Uhr

Es riecht gut in der Alten Kochschule. Hier wird zwar nicht (mehr) gekocht. Aber das Soziale Aktionsbündnis Prignitz bietet in dem großen gelben Haus in der Altstadt unter der Woche zwischen 12 und 13 Uhr für Bedürftige ein Mittagessen an. Bis zu 25 Wittenberge kommen täglich, zahlen 1,80 Euro, Kinder 1,30 Euro. Für das Geld gibt es kein Gourmetessen, aber solide Hausmannskost, gekocht wird in Perleberg für alle sieben Ausgabestellen der Tafel. Während die ersten Mittagsgäste ihren Linseneintopf löffeln, laufen eine Etage höher die Vorbereitungen für die Lebensmittelausgabe. Das Gemüse, nicht mehr das frischste, aber noch verwertbar, ist durchgesehen. Ein heimischer Bäcker hat Kuchen spendiert. Schnecken, Pfannkuchen, Apfeltaschen liegen auf einem Blech. "Wir sind froh, dass wir von Bäckern hier in der Stadt so gut unterstützt werden. Dadurch haben wir fast immer auch ausreichend Brot im Angebot", sagt Anette Riehl. Sie ist Mitglied im Verein Soziales Aktionsbündnis, gehört zu jenen Ehrenamtlern, ohne die die Tafeln nicht funktionieren würden. "Vereinsmitglieder und Mitarbeiter in geförderter Arbeit sorgen dafür", dass es bei uns rund läuft", sagt Vereinschef Hans-Günter Kolip.

Vor gut einem Jahr konnte das Aktionsbündnis innerhalb von Wittenberge umziehen. Von der verlängerten Bahnstraße ging es in die Alte Kochschule. Die Stadt suchte einen Nachnutzer, nachdem sie den dortigen Jugendklub geschlossen hatte. "Hierher zu ziehen, war wirklich eine gute Entscheidung", sagt Kolip. Die Konditionen, die die Stadt dem sozialen Verein eingeräumt hat, stimmen. "Und die Leute nehmen den neuen Standort auch sehr gut an."

"Unsere Kundenzahl hat sich seit dem Umzug um 30 bis 40 Prozent erhöht", untersetzt Anette Riehl die Feststellung mit Zahlen. Sie und Kolip führen das Mehr an Kunden auf die Lage der Alten Kochschule und auf die Immobilie selbst zurück: "Es ist eine Hemmschwelle weggefallen. In der Bahnstraße mussten die Kunden draußen warten, bis sie im Laden an der Reihe waren. Hier kann man im Haus warten, man wird nicht sofort gesehen."

Zwischen 30 und 40 Einkäufer kommen täglich zur Lebensmittelausgabe. Tendenz steigend, so Anette Riehl und fügt an: "Wir stehen vor großen Problemen. Die Bedürftigen werden immer mehr, die Ware, die wir bekommen, aber immer weniger." Schwierig, sehr schwierig sei es an manchen Tagen, bis zum letzten Kunden jedem etwas zukommen zu lassen.

Als der "Prignitzer" den Laden besucht, bittet gerade eine ältere Dame um zwei Schnecken. Sie kann nur eine in ihren Einkaufskorb legen. Draußen vor der Tür warten noch viele Leute. Auch die müssen noch etwas abbekommen. Und es kommt auch schon mal vor, erzählt Riehl, dass wir einer fünfköpfigen Familie nur einen einzigen Joghurt geben können.

Günter Kolip erklärt, wie die Lebensmittelausgabe funktioniert. "Wir losen aus, wer wann in den Laden kann." Am Tag des "Prignitzer"-Besuchs werden gut 30 Nummern vergeben. Aber schon als die Familie mit dem Los 23 an der Reihe ist, liegen nur noch zwei Bund Radieschen in einer Gemüsekisten, in einer anderen einige Köpfe grüner Salat. Den einzige Kürbis des Tages hat sich gerade ein Mann aus dem Regal genommen. Aber Brot ist noch da. "Wir versuchen immer, es so einzuteilen, dass auch die Letzten noch etwas abbekommen", sagt Riehl. Glücklich seien die Kunden, "wenn wir auch mal Wurst haben oder Butter". Das sei aber nicht die Regel. "Ich bin ganz froh, dass man das eine oder andere hier bekommt. Im richtigen Laden ist es doch teurer", sagt ein Mann mittleren Alters. Seinen Namen will er für die Zeitung nicht nennen. "Die Leute müssen nicht wissen, dass ich hierher gehe", sagt er fast entschuldigend. Zwei Euro hat der Mann für seinen vollen Einkaufskorb bezahlt. Das ist der übliche Obolus.

Günter Kolip nutzt die Chance, sagt über die Zeitung "all jenen Danke, von denen wir für unsere Tafel Lebensmittelspenden erhalten. Wir sind darauf angewiesen, sonst könnten wir den Leuten nicht helfen."

423 Bedarfsgemeinschaften sind bei der Wittenberger Tafel angemeldet und damit berechtigt, beispielsweise Lebensmittel zu erhalten. In 147 dieser Gemeinschaften leben Kinder - und zwar 270 Mädchen und Jungen.

Kleiderkammer sucht Warmes für Kinder

Wie schon im alten Domizil in der verlängerten Bahnstraße unterhält der Verein auch in der Kochschule eine Kleiderkammer. Der Vorteil hier: Sie befindet sie sich in einem separaten Raum. Es gibt eine Umkleidekabine. Die Leute können in Ruhe probieren. "Wir staunen, wie gut dieses Angebot angenommen wird", sagt Riehl. Jeder Zeit gern nehmen sie, die anderen Ehrenamtler und auch geförderte Beschäftigte Saisonware entgegen. "Es geht in den Winter. Warme Kindersachen werden viel nachgefragt. Auch gut erhaltenes Spielzeug sei immer willkommen.

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