Mecklenburg statt Afrika

<strong>Leben im Stadtteil Mueßer Holz:</strong> Missionarsehepaar Christiaan und Kseniya Kooiman mit Sohn Sebastian.<foto>Rainer Cordes</foto>
Leben im Stadtteil Mueßer Holz: Missionarsehepaar Christiaan und Kseniya Kooiman mit Sohn Sebastian.Rainer Cordes

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02. Juli 2010, 07:40 Uhr

Muesser Holz | Das Bücherregal ist vollgestopft. "Gott vertrauen", prangt auf einem Buchrücken. Daneben steht ein Micky-Maus-Heft. Vor dem Regal sitzt Christiaan Kooiman in seinem Wohnzimmer. Seine Augen wirken klein, wenn er durch die Gläser seiner Brille schaut. Seit Dezember ist er als Missionar in Schwerin unterwegs. Den ungewöhnlichen Berufswunsch hatte er bereits in der Grundschule. Die anderen Kinder wollten Polizist werden oder Feuerwehrmann. Missionar werden wollte niemand. Nur er. Damals hatte er sich vorgestellt, nach Afrika zu gehen. In den Dschungel. Dass es den Niederländer nach Schwerin verschlagen könnte, daran hatte er damals nicht gedacht.

Von Holland über Belgien und Weißrussland nach Deutschland


Doch nach seinem Theologiestudium im niederländischen Apeldoorn und im belgischen Leuven fand er keinen Praktikumsplatz in Afrika. Nun konzentrierte er sich auf Europa. Zuerst dachte an er an romantische Strände in Frankreich oder Spanien. Stattdessen bot ihm die Missionsgesellschaft Europäische Christliche Mission (ECM) einen Praktikumsplatz in Mecklenburg-Vorpommern an. Die Missionsgesellschaft arbeitet mit etwa 150 Mitarbeitern in 17 europäischen Ländern. Mittlerweile ist Westeuropa zu einem missionarischen Kerngebiet geworden. Nicht zuletzt, weil die Rate der Konfessionslosen stetig ansteigt. Auch deshalb arbeitet Kooiman in Schwerin mit verschiedenen christlichen Gemeinden und Kirchen zusammen.

Laut European Values Study sind in den neuen Bundesländern mehr als 70 Prozent der Bevölkerung konfessionslos, mehr als 20 Prozent davon bezeichnen sich als überzeugte Atheisten. Fakten, die seit einigen Jahren immer mehr Missionsgesellschaften auf den Plan rufen. Von ungefähr kommt die Glaubensmüdigkeit der Ostdeutschen sicher nicht: Nur wenige Straßenzüge von der Wohnung der Kooimans entfernt steht noch immer eine Lenin-Statue. Auch er ein Missionar, nur mit anderer Botschaft.

"Ich war tief beeindruckt von den Menschen hier", erinnert sich der 24-Jährige an seine ersten Tage in Mecklenburg. Als stur und bodenständig beschreibt er die Einheimischen. "Aber wenn man einmal ihr Herz gewonnen hat, dann sind die Beziehungen sehr tief", sagt er und zupft mit seinen dünnen Fingern das karierte Hemd zurecht.

In den vergangenen Monaten studierte der Theologe zusammen mit seiner Frau Kseniya die Geschichte Deutschlands und der DDR. "Wir können den Menschen keine Antworten geben, wenn wir ihre Fragen nicht verstehen", erklärt Kooiman. Seine Kernbotschaft lautet Hoffnung. Er lebt in einem Plattenbau in der Ziolkowskistraße. Die Gegend ist nicht unbedingt eine Hochburg der Hoffnung. Doch gerade hier will er die "Gute Botschaft", wie er es nennt, verkündigen. Anfangs habe ihn die Armut in seiner Nachbarschaft erschreckt und Mitleid in ihm geweckt. "Aber Mitleid ist nicht der richtige Weg - Liebe zu schenken und zuzuhören, das ist der bessere Weg", sagt Kooiman.

Mission kommt vom lateinischen Wort "mittere", zu Deutsch: senden. Auch Christiaan Kooiman fühlt sich ausgesendet, unterwegs, um Menschen zu Christen zu machen. Er kommt nicht mit den Schwerinern in Kontakt, indem er in der Fußgängerzone Handzettel verteilt. Seine Strategie ist eine andere. Er möchte mit seiner Familie unter den Menschen leben, Freundschaft mit ihnen schließen. Er hilft bei der Kindertafel mit und trägt alten Menschen die Einkaufstüten nach Hause. Mission verbindet er mit sozialem Engagement. Aggressive Mission ist nicht sein Ding. "Ich mache ein Angebot - ob die Leute es annehmen, müssen sie selbst entscheiden", sagt er und streicht seine Jeans glatt. Sie ist ein wenig zu kurz, reicht nur bis zum Knöchel.

Kseniya Kooiman findet den Großen Dreesch schöner als Minsk

Seine heute 27-jährige weißrussische Ehefrau hat er beim Studium in Belgien kennen gelernt. Auch sie ist Theologin. Ihr Studium begann sie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Doch im patriarchalisch geprägten Osten gab es für Frauen keinen Master-Studiengang. Deshalb verlagerte sie ihren Studienort ebenfalls nach Belgien. Auf dem Großen Dreesch fühlt sie sich sehr wohl. "Viel schöner als Minsk", sagt sie auf Englisch und blickt zufrieden aus dem Fenster ins Grüne hinter dem Haus.

"Das ist ein Brennpunkt - geht da besser nicht hin", hatten Freunde sie gewarnt. "Brennpunkt? Da ziehen wir hin", so die Reaktion der beiden. Sie werden von einer reformierten Kirche in den Niederlanden finanziell unterstützt. Viel Geld zum Leben haben sie dadurch nicht. Auch kein Auto. Nicht einmal einen Führerschein. "Dafür hatte ich nie Zeit", erklärt Christiaan Kooiman.

Wie lange die beiden in Schwerin bleiben werden, wissen sie noch nicht. Bis kommenden Sommer auf jeden Fall. Irgendwann wollen sie weiterziehen - in einen anderen Teil von Mecklenburg-Vorpommern. Ihre Bücher und Micky-Maus-Hefte werden sie dann mitnehmen. Vielleicht aber ein wenig Hoffnung auf dem Dreesch zurücklassen.

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