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Lokales

23. September 2017 | 02:10 Uhr

Max: Hoffnung mit einem neuen Herz

vom

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2010 | 07:53 Uhr

Rostock | Jeweils zehn Kilo hängen an beiden Seiten des Trainingsgeräts. "Das macht Brustmuskeln", erklärt Max und reißt im Ausfallschritt die beiden Gewichte nach vorn. Die ersten Male funktionieren noch leicht, aber bald geht dem Teenager mit der Bodybuilderfigur die Puste aus. Der 17-Jährige ist nicht mit sich zufrieden. "Früher hätte ich auch 30 Kilogramm gezogen", sagt er, zieht sein schwarzes Trainingsshirt glatt und geht zum nächsten Übungsgerät.

Sein Leben hing am seidenen Faden

Früher, da schlug auch noch Max eigenes Herz in seiner Brust. Seit einem halben Jahr hat Max Leus ein Spenderorgan. "Es ging alles so schnell, manchmal wache ich auf und denke im Halbschlaf, das hast du alles nur geträumt", sagt er. Der Rostocker, dessen Mutter vor 20 Jahren aus der Ukraine nach Mecklenburg gekommen war und hier sesshaft wurde, hatte seinen großen Freundeskreis, seinen Sport, hatte Spaß in der Schule und feste Pläne für die Zukunft. Im Oktober vor einem Jahr warfen ihn dann plötzliche Hustenanfälle und Schwächeattacken aus der Bahn. Er mochte nichts mehr essen, fiel vor Schwindel hin.

"Ich kam ins Krankenhaus, und da haben sie mir eigentlich schon nach einer Woche gesagt, dass ich ein neues Herz brauche. Mit dem alten würde ich sterben", erinnert sich der hochgeschossene junge Mann. Er sagt das so, als ob er über eine andere Person berichtet, mit viel Abstand. Wenn seine Mundwinkel mal nicht zum schiefen Grinsen nach oben gezogen sind, lächeln seine Augen. Er sei ein positiv denkender Mensch, sagt Max, aber dass sein Leben am seidenen Faden hing, sei ihm schon bewusst gewesen. "Aber ich hatte keine Angst vor dem Tod. Ich habe auch nicht dem nachgetrauert, was ich alles noch machen wollte."

Aber seinen Optimismus verliert er fast im Berliner Herzzentrum. "Da lagen so viele kleine Kinder, die es viel schwerer hatten als ich." Max bekommt zunächst ein Kunstherz mit Batterien. "Das war ein bisschen Angst erregend, dass mein Leben von einem Akku abhängt. Ich durfte zwar auch ins Kino, aber schon allein wegen der Warterei auf ein Spenderherz stand man ständig unter Spannung."


Am 2. Februar gibt es das Spenderorgan

Max hilft auf der Station, die fast fünf Monate sein zweites Zuhause wird. Er spielt mit kleinen Kindern, liest ihnen vor. Und er lernt Anne kennen, ein gleichaltriges Mädchen, das wie er auf ein Spenderherz wartet. Dank seiner zweiten Muttersprache Russisch ist Max auch Übersetzer für viele Patienten. "Für diese Behandlung haben die Familien zu Hause lange gespart, und dann sind die Kranken allein hier im Ausland." Als am 2. Februar kurz vor Mitternacht die Ärztin im Zimmer steht, habe er schon an ihrem Gesicht gesehen, "jetzt gehts los".

Die siebenstündige Operation ist erfolgreich. Im März darf Max nach Hause, ohne helfende Geräte, aber mit einem Sack voller Medikamente. Die Medizin schwemmt seinen Körper auf, er hat Pickel wie in der tiefsten Pubertät. Dennoch: Max kann sein Glück immer noch nicht richtig fassen. "Es ist ein komisches Gefühl, manchmal fasse ich mir an die Brust und denke, das ist jetzt mein Herzschlag." Wem das Herz gehörte, werde den Patienten nie gesagt. "Ich wünschte mir, dass es das Herz eines Sportlers ist." Noch hat sich das Herz nicht an den Rhythmus von Max gewöhnt. "Der Puls geht immer erst ein bisschen verzögert nach der Belastung hoch", sagt er.

An seinem Computer hängt ein Ultraschallbild, wie es werdende Eltern von ihrem Baby erhalten. "Mein Herz. Es ist ja auch für mich ein neues Leben", sagt der Teenager. Um es seinem alten anzugleichen, rackert er sich gern an Sportgeräten ab. Immer wenn seine Klasse Sportunterricht hat, packt er seine Tasche und geht um die Ecke ins Fitnessstudio. Eigentlich gehe es schon ganz gut, "ich kann einem Bus hinterherlaufen, wenn ich zu spät dran bin."

Hat er schon vorher auf seine Gesundheit geachtet, tun das mittlerweile auch seine Freunde. "Aber sie behandeln mich nicht wie ein rohes Ei, zum Glück", sagt er. Im Grunde sei es ein neues Leben mit einem langen Beipackzettel, "aber wer liest den schon durch?".

Die Krankheit hat Max bewusster gemacht. "Ich will mich mehr anstrengen in der Schule, das will ich jetzt unbedingt packen", benennt er einen seiner Pläne. Die neunte Klasse wiederholt er gerade. Und seinen Berufswunsch muss er überdenken. "Ich wollte eigentlich zum Zoll oder zur Polizei. Jetzt soll ich mir einen Bürojob suchen", sagt der 17-Jährige und verzieht das Gesicht.

Vielleicht kann er ja doch sein Hobby zum Beruf machen, "ein Job im Fitnessstudio, vielleicht im Rehasport, das würde mir gefallen". So weit planen wolle er gar nicht. Eines wisse er aber mit Bestimmtheit, "wenn ich mal sterbe, wäre es für mich gar keine Frage, Organe zu spenden. Darauf warten so viele wie ich damals." Auch seine Freundin Merle, deren Schicksal Max immer begleiten wird.

Max weiß nur zu gut, dass er sehr viel Glück hatte. Denn Anne, die er in Berlin kennengelernt hatte, starb kurz nach seiner erfolgreichen Transplantation.

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