zur Navigation springen
Lokales

17. Dezember 2017 | 03:28 Uhr

Maulkorb für Ökoaktivisten

vom

svz.de von
erstellt am 17.Mai.2010 | 09:29 Uhr

Rostock | Der Agrogentechnik-Gegner Jörg Bergstedt aus Hessen hat auf Initiative des studentischen Prorektors der Uni Rostock, Heiko Marski, hin Sprechverbot an der Uni bekommen. Ein fehlendes Konzept für die angefragte Raumzuweisung ist laut Marski der Grund für seine Entscheidung. Er sagt: "Ich möchte den kritischen Dialog, jedoch nicht ohne Moderation und Konzept." Besonders Vertreter der Grünen Hochschulgruppe, die den Vortrag organisiert haben, sind empört und erheben heftige Vorwürfe gegen die Uni. "Diese Absage ist für mich ein vorauseilendes Verbot strittiger Gegenstimmen und da frage ich mich, wo eigentlich die Grenze zur Zensur verläuft", so Johanna Lauber, die Bergstedt nach Rostock einlud.

Der Ökoaktivist hält momentan in Mecklenburg-Vorpommern Vorträge zum Thema "Monsanto auf Deutsch - Seilschaften zwischen Behörden, Firmen und Forschung" und ist als Aufruhrstifter bekannt. Lauber wollte mit Studenten über seine Ansichten und sein konfliktträchtiges Vorgehen diskutieren. Doch Marski lehnte den Vortrag letztlich ab, weil der Antrag der Grünen Hochschulgruppe auf eine ausgewogene Pro- und Kontra-Diskussion ohne Konzept geblieben sei. Marski weist diese Vorwürfe der Zensur von sich und der Uni: "Zwei Wochen habe ich auf ein Konzept gewartet und die Raumzuweisung aufrecht erhalten, doch es kam nichts."

Der 46 Jahre alte Bergstedt lebt in der Projektwerkstatt Reiskirchen/Saasen, die als Treffpunkt für Umwelt- und linksgerichtete Gruppen sowie als politische Wohngemeinschaft gilt. Kritiker sehen in ihm einen Aufruhrstifter, der sich als eine Art Guru inszeniert. Im Jahr 2006 zerstörte er große Teile eines Versuchsfeldes in Gießen, auf dem transgene Gerste angebaut wurde. In Folge dessen wurde er in Unterbindungsgewahrsam genommen. Am 4. September 2008 wurde Bergstedt zusätzlich wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Im selben Jahr beteiligte er sich an mehreren Besetzungen von Genversuchsfeldern in Gießen. Das führte dazu, dass die dortige Universität kein Feld mit gentechnisch veränderten Pflanzen nutzen konnte. Der Ökoaktivist veröffentlichte im vergangenen Jahr das Buch "Organisierte Unverantwortlichkeit", in dem er Verflechtungen zwischen Konzernen, Genehmigungsbehörden, Forschung und Lobbyverbänden nachzuweisen versucht. In Vortragsreihen wirbt er für die Aktionsform der so genannten Feldbefreiung.

Einige Studenten fühlen sich durch den Beschluss von oben ausgeschlossen. Peer Klüßendorf, Sprecher der Grünen Hochschulgruppe, sagt: "Zu einem Studium gehört gerade die Auseinandersetzung mit kontroversen Auffassungen, die zur Meinungsbildung führt." Kritische Dialoge wünscht sich auch Marski, der mit der Grünen Hochschulgruppe einen Diskussionsabend für Oktober plant, an dem beide Seiten zu Wort kommen sollen. Doch vorerst zu spät: Bergstedt referiert am Mittwoch um 19 Uhr statt in der Uni, in der Heinrich-Böll-Stiftung. Lauber sagt: "Wir freuen uns auf kontroverse Diskussionen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen