Malgründe führen nach Parchim

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06. März 2010, 01:57 Uhr

Parchim | Die nächste Ausstellung, die morgen in der

Galerie ebe eröffnet wird, hat eine außergewöhnliche Vorgeschichte. Denn Prof. Johannes Helm aus Neu Meteln bei Schwerin, dessen Bilder für acht Wochen zu sehen sind, gab dem heutigen Parchimer Galeristen Eckhard Bergmann einst den Anstoß zu malen - doch erst vor kurzem sind sich die Beiden das erste Mal persönlich begegnet.

Als er Medizinpädagogik studierte, erinnert sich Bergmann, ging es auch um Gesprächsführung mit Patienten. Ein Gebiet, auf dem Johannes Helm als Professor für klinische Psychologie an der Ber liner Humboldt-Universität federführend arbeitete. "Den Namen kannte ich aus der Fachliteratur. Und dann erschien auf einmal sein Buch ,Malgründe. Weil mich Malerei schon damals interessierte, habe ich es gelesen und daraufhin selbst angefangen", verrät der Parchimer. Das Buch mit dem bewusst doppeldeutig

gewählten Titel enthält Bilder aus der Anfangszeit des Autodidakten Helm sowie Geschichten vom Malen. Es kam 1978 im Aufbau-Verlag heraus. "Das war für mich ein großes Ereignis, und mehr noch der unerwartet große Erfolg bei der Buchpremiere, einfach überwältigend", erzählt der 82-Jährige, der sich nicht als Maler, sondern als "Malenden" sieht.

Durch Zufall entstand sein erstes Bild. Er saß in einem verlassenen Atelier, das noch nach Farbe und Terpentin roch, und brauchte ein Geschenk für

seine Freundin - und heutige Frau. Der Wissenschaftler griff also zur für ihn fremden Gerätschaft. Tatsächlich saugte das nicht grundierte Zeichenpapier die Ölfarbe auf, doch der Beschenkten gefiel sein Erstlingswerk so gut, dass er nicht mehr von der Malerei lassen konnte. Die war zunächst "Ergänzung zu den wissenschaftlichen Dingen" und ist heute "die Erdung zur Wirklichkeit, zumindest wie sie sich uns

gegenwärtig darstellt". Vereinfacht gesagt, sei das Malen für ihn so wichtig geworden wie für den Diabetiker die Insulinspritze, so Helms.

Sein mittlerweile viertes

literarisches Werk trägt den Titel "Tanz auf der Ruine". Es glossiert damalige Uni-Verhältnisse und berührt auch das ständige Pendeln zwischen Berlin und Neu Meteln. Beim Blättern lacht Helm manchmal kurz auf, so viel Spaß hat ihm das Schreiben selbst bereitet.

Nach Eröffnung seiner Galerie 1990 in Parchim habe er oft von Prof. Helm gesprochen, erzählt Eckhard Bergmann. Doch erst kürzlich gab ihm die Boitiner Malerin und Grafikerin Ute Mohns den Tipp, wie er Kontakt zu Helm aufnehmen könne. Dieser wohnt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Helga Schubert, seit 2008 in Neu Meteln. Hier sei für ihn die dritte Heimat nach Flucht aus dem heute polnischen Teil der Niederlausitz und Jahrzehnten in Berlin, sagt Helm. "Natürlich hängen wir noch an Berlin, nachdem wir so lange dort gelebt und gearbeitet - und es nach dem Mauerfall wiederentdeckt haben. Wir waren oft mit dem Fahrrad unterwegs." Doch er sei in Mecklenburg angekommen, fühle sich hier sehr wohl. Helga Schubert hingegen fehlt das Großstadtleben, sie stammt aus Berlin-Kreuzberg. "Ich sehe aber, wie sich mein Mann hier von seiner schweren

Erkrankung erholt hat. Das ist mir bedeutend wichtiger."

Nach einem Urlaub in der Region hatte das Ehepaar 1975 das alte Bauernhaus als

Wochenend-Domizil gekauft, übrigens nach einem Tipp der Schriftstellerin Christa Wolf, die mit ihrem Mann gegenüber wohnte. Hier fand sich eine kleine Künstlerkolonie, die bei der Stasi später einen großen Aktenschrank füllen sollte

unter dem operativen Vorgang "Siedlung".

Dann der 11. Juli 1983: Das Haus der Wolfs ging in Flammen auf und durch Funkenflug auch das gegenüber. Schubert und Helm hatten kurz zuvor das Reetdach neu eindecken sowie im Obergeschoss Atelier und Lehmofen errichten lassen. Erst im April war alles fertig geworden. Die Beiden entschieden sich, alles neu aufzubauen, Wolfs zogen fort. Der endgültige Bruch zwischen beiden Paaren vollzog sich in der Wendezeit. "Wir vertraten politisch gegensätzliche Richtungen. Christa Wolf wollte die DDR verbessern, glaubte an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, doch ich habe genauso wie mein Mann dafür keinerlei Chance gesehen", so Helga Schubert.

Rund 750 Bilder hat Johannes Helm bislang gemalt. Sie stehen dicht an dicht in Regalen. "Es sind welche dabei, an die ich mich gar nicht mehr erinnere", räumt der 82-Jährige ein. Doch seine Frau verwahrt von allen Fotos, die mehrere Alben füllen. Und in der kleinen Garten-Galerie, einer umgebauten Garage, sind jeweils für einen Monat 20 bis 25 Werke zu sehen. An jedem ersten Sonnabend ab 15 Uhr wird zum Bilderwechsel eingeladen, heute schon zum 19. Mal. Das sei eine "reine private Initiative", niemand müsse Eintritt zahlen. Johannes Helm sieht darin "einen Spiegel" für sein Wirken, Helga Schubert "eine Brücke" zu Kunst- und Kulturinteressierten.

"Aus den Listen dieser Bilderwechsel habe ich herausgesucht, was mir am besten gefiel, und noch einmal sortiert", gibt Johannes Helm einen kleinen Ausblick auf die Parchimer Ausstellung. Galerist Eckhard Bergmann hatte Wert auf ältere Werke gelegt. "Dorfsilvester" entstand schon 1975, am stärksten sind indes die Jahre nach 1990 bis Anfang dieses Jahrtausends vertreten. Landschaften dominieren, wie "Steilküste", "Flussgabelung" oder "Drei Weiden im Frühling". "Eishockey auf dem Weiher", "Blumenfenster", "Auge in Auge", bei dem sich Papagei und Katze anstarren, sowie weitere Tier motive runden die Palette ab. Die Vernissage in der Parchimer Galerie ebe, Lübzer Chaussee 7, beginnt am morgigen Sonntag 11 Uhr.

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