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Lokales

24. September 2017 | 01:39 Uhr

Lücken im Lesestoff

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erstellt am 17.Okt.2010 | 08:37 Uhr

Pokrent/Hagenow | Der blaue Bus gibt Stoff - Lesestoff für Bücherwürmer auf dem Land. An der alten Kastanie, der Haltestelle in Pokrent im Kreis Nordwestmecklenburg, steigen eine Schülerin, ein Rentner und zwei berufstätige Frauen in die Fahrbibliothek, die hier alle drei Wochen für 20 Minuten stoppt. Gab es in Mecklenburg-Vorpommern vor zwölf Jahren noch 14 Fahrbüchereien, halten sich heute gerade mal fünf bei stetig sinkender Zahl von Lesern und Haltestellen. Pokrent zählt nur noch 13 Nutzer der "Bücher auf Rädern", das Dorf hat den Bus nun aus Geldmangel zum Jahresende abbestellt.

30 Orte fährt der Bücherbus in Nordwestmecklenburg dann noch an, sagt Bibliothekarin Gabriele Gramenz. Betreiber ist das Kreismedienzentrum in Grevesmühlen. Es verteilt seine Literatur auch über einen Kurier an Schulen und Kindertagesstätten, wenn diese die Bücher- und Medienkisten anfordern. "Das Angebot wird aber wenig genutzt", sagt Gramenz. So erscheinen nicht alleine die rollenden Bibliotheken als Auslaufmodell im strukturarmen Flächenland Mecklenburg-Vorpommern, das schätzungsweise 85 000 Analphabeten zählt und mit 18 Prozent überdurchschnittlich viele Jugendliche hat, die nicht mal einen Hauptschulabschluss schaffen.

Bundesweit sind laut einer Umfrage des Deutschen Bibliotheksverbandes in diesem Jahr aufgrund der Krise der öffentlichen Haushalte fast zwei Drittel der 1300 hauptamtlich geführten kommunalen Büchereien und damit wichtige Bildungsstätten von Einsparungen betroffen. Auch die noch 110 öffentlichen Bibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern spürten - bis auf wenige Ausnahmen - die wachsende Finanznot der Kommunen, sagt Silke Mittmann, Landesgeschäftsführerin des Bibliotheksverbandes. Die erforderlichen zehn Prozent Bestandserneuerung jedes Jahr würden nur die wenigsten schaffen, unterstreicht sie.

Dennoch wolle sie nicht pauschal von einem "Bibliothekensterben" im Nordosten sprechen, betont Mittmann. Eine Konzentration auf die Oberzentren sei aber zu merken. Immerhin seien die Ausgaben für alle Bibliotheken zusammen bei rund 16 bis 17 Millionen Euro pro Jahr stabil geblieben, rund zehn Prozent davon flossen in den Kauf neuer Medien. Erstmals nach 20 Jahren habe das Land jetzt eine Bestandsanalyse bei der Universität Rostock in Auftrag gegeben als Basis für ein Bibliotheks-Entwicklungskonzept. Weiße Flecken und Unterversorgung auf dem Lande sollen damit aufgedeckt werden.

Laut der Fachstelle Öffentliche Bibliotheken Rostock sank die Zahl der Einrichtungen seit 1998 von 222 Leihbüchereien auf 110 im vorigen Jahr, jede fünfte Ausleihe im Land werde nur noch ehrenamtlich betreut. Die Zahl der Bibliotheksnutzer ging parallel zum Einwohnerschwund von rund 253 000 auf 144 000 zurück. Statistisch hat damit nicht mal jeder zehnte Mecklenburger und Vorpommer einen Bibliotheksausweis.

Wurden 1998 noch 8 Millionen Entleihungen der insgesamt 3,3 Millionen Medien registriert, so gab es 2009 nur noch 5,3 Millionen Entleihungen bei einem Bestand von 2,6 Millionen Büchern, Zeitschriften und Tonträgern. Allein seit 2003 machten in Mecklenburg-Vorpommern 14 hauptamtliche Bibliotheken dicht, davon 7 Fahrbüchereien. Auch 50 ehrenamtlich geführte Bibliotheken schlossen oder fielen aus der Statistik, wie Ursula Windisch von der Fachstelle sagt.

Einen möglichen Ausweg aus der Bibliothekenkrise sieht Silke Mittmann in Verbundprojekten wie der "Onleihe" diverser Stadtbüchereien. So würden die Einrichtungen in Greifswald und Wolgast in Ostvorpommern jetzt gemeinsam "eMedien" im Digitalen Virtuellen Bibliotheksverbund Nord anbieten. Auch Schwerin und Neubrandenburg hätten Lesestoff auf die Datenautobahn geschickt, so Mittmann. Stark eingeschränkt indes sei der Zugriff auf die e-books vom Lande aus, da viele Dörfer im Nordosten noch nicht über einen schnellen Internetzugang verfügten.

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