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Lokales

22. November 2017 | 23:21 Uhr

Lübzer Zuckerfabrik wird zermalmt

vom

svz.de von
erstellt am 01.Jun.2010 | 08:03 Uhr

lübz | "Weichen Kram haben wir hier nicht eingebaut, vielleicht Mischung 1:2. Und dann nicht mit billigem, sondern nur mit gutem Portland-Zement." Walter Jonca, bis zu ihrer Stilllegung 1992 letzter Betriebsleiter der Lübzer Zuckerfabrik, steht am Rand des Kellers für die Brückenwaage und schaut zu, wie der Abbruchhammer des Hydraulikbaggers die Betonwanne Stück für Stück auseinanderplatzen lässt. Blaue Farbe zeigt an, dass sie stückweise härter als hart ist. Ohne die über hohen Öldruck zustande kommenden, auf den runden Metallmeißel wirkenden Schläge - mehrere 100 pro Minute - würde sich gar nichts tun. Das Urteil von Baggerfahrer Marco Priebe, auf dieser Baustelle hauptsächlich mit der Beseitigung von Fundamenten seit April im Einsatz: "Hier ist alles knallhart und besonders stark ausgelegt." Die rund 8000 Tonnen Beton und Ziegelschutt zerteilt eine vor Ort aufgestellte Brechanlage in kleine Krümel, die - dann frei von allen Fremdstoffen - abgefahren oder auf dem Platz unter anderem wieder in ehemalige Keller geschüttet werden und als Unterlage für Fundamente dienen.

Jährlich 130 000 Tonnen Zuckerrüben verarbeitet

Als Walter Jonca im März 1966 aus Güstrow nach Lübz kommt, hat er in Köthen Zuckerbiologie studiert und die Ingenieurschule für Chemie besucht. Schon damals heißt es, dass die Produktion noch ein Jahr laufen soll, doch dann wird der Betrieb modernisiert. Immer wieder neue Maschinen sorgen dafür, dass letztlich rund 130 000 Tonnen Rüben im Jahr verarbeitet werden können, was den Ausstoß von bis zu 13 000 Tonnen Weißzucker bedeutet. "Wir hatten letztlich das beste Zuckerhaus in der DDR", sagt Jonca und lächelt.

Auch in seinem Unternehmen kommen viele wertvolle Metalle wie Messing, Kupfer und Zink zum Einsatz. Zur Wendezeit meldet sich eines Abends ohne Voranmeldung ein Mann beim Pförtner, der den Betriebsleiter sprechen möchte. Schon sehr schnell stellt sich heraus, um was es geht. Das Interesse des Besuchers richtet sich auf mehrere große, zu Maschinen gehörende Messingscheiben: "Er sagte ganz begeistert ,Die und das Zink nehm ich gleich mit, was willst Du dafür haben? Den Stahl hol ich später. Ich antwortete ,Erst einmal Sie und wenn Sie nicht sofort vom Firmengelände verschwunden sind, lasse ich unseren Hund frei. Gut war, dass er in diesem Augenblick auch noch gebellt hat..."

Obwohl zunächst vertrieben, zeigt der nächtliche Besuch an, dass andere Zeiten angebrochen sind. Die Fabrik wechselt ab jetzt mehrfach den Besitzer, wird unter jedem ein Stückchen mehr ausgeschlachtet, wobei sich nach und nach auch die Zahl der Gebäude verringert. "Als ich sah, wie alles in Schutt und Asche fiel, tat es weh und manchmal drückt es immer noch", sagt Jonca. Wo über Jahrzehnte bis zu 200 Mitarbeiter in mehreren Schichten produzierten, waren bald fast nur noch Ruinen übrig.

Gleich nach der Wende ist der ehemalige Betriebsleiter in einer der größten norddeutschen (mittlerweile auch schon geschlossenen) Zuckerfabriken im schleswig-holsteinischen St. Michaelisdonn zu Besuch. Dort kommt er unter anderem zu der Erkenntnis, dass bei ihm zu viele Mitarbeiter beschäftigt sind und die Technik veraltet ist: "So, wie es in Lübz war, hätten wir keine Chance mehr gehabt. Gleichzeitig war für erweiternde Investitionen - selbst wenn man sie gewollt hätte - das Gelände zu klein. Außerdem gab es jetzt vor allem das gar nicht zu beeinflussende Problem Rübenquote, weshalb letztlich auch Güstrow schließen musste. In der DDR wurde doch angebaut, dass die Heide wackelt."

In dem einstigen, 1894 gegründeten Lübzer Großbetrieb muss nichts mehr halten. Die stabile Bauweise hatte neben allgemein gewünschter Haltbarkeit einen ganz speziellen Grund: Zucker. "Es gibt zum Beispiel Chemikalien, denen er nichts anhaben kann. Zement aber gehört nicht zu den Unverwundbaren", weiß Jonca. "Er mag 70, 80 oder 100 Jahre halten, aber nach ständigem Zuckerkontakt kann es schlagartig vorbei sein. Wir haben zu Produktionszeiten an einigen Stellen keine Fundamente mehr gefunden, wo welche sein sollten - und nicht schlecht gestaunt."

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