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Pilotprojekt in Ludwigslust : Zurück im alten Kinderhaus

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Stift Bethlehem richtet im 100 Jahre alten Backsteinbau Pflege-Wohngruppen für psychisch Kranke ein

von
erstellt am 04.Mai.2016 | 06:00 Uhr

Als Schwester Annemarie zwischen den gläsernen Trennwänden den Flur entlanggeht, kommen sofort die Erinnerungen. „Hier unten waren die Kinder, oben die Säuglinge“, erzählt die Diakonisse des Stiftes Bethlehem. „Wenn ich die Räume jetzt sehe, weiß ich sofort, wie die Betten gestanden haben.“ Viele Jahre hatte die heute 85-Jährige im Kinderkrankenhaus, im Volksmund Kinderhaus, gearbeitet. Seit die Pädiatrie vor gut 15 Jahren in den Neubau gezogen war, stand das denkmalgeschützte Haus leer.

Doch jetzt kehrt Leben dorthin zurück – erst einmal durch Bauarbeiter, später durch die Bewohner mit speziellen Bedürfnissen. Gestern hob Stiftspropst Jürgen Stobbe gemeinsam mit Ludwigslusts Bürgermeister Reinhard Mach und dem stellvertretenden Landrat Wolfgang Schmülling erst einmal die Haustür aus den Angeln – ein symbolischer Akt, der den Beginn des Umbaus markieren sollte. Entstehen wird eine Pflege-Wohngemeinschaft für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Stobbe hofft, das neue Bodelschwingh-Haus mit einem Sommerfest im kommenden Jahr einweihen zu können.

Im Haus sollen zwei Wohngruppen mit acht bzw. zwölf einzelnen Wohnräumen, jeweils mit Bad, entstehen. Hinzu kommt jeweils ein Gemeinschaftsraum mit großer Küche. „Die individuelle Pflege und die hauswirtschaftliche Betreuung übernehmen ambulante Pflegedienste“, erklärt Jürgen Stobbe. „Unterstützung und Hilfe hinsichtlich der psychischen Erkrankung wird individuell nach dem Sozialgesetzbuch gewährt.“ Zusätzliche Betreuungsleistungen kann der Einzelne – sofern die Voraussetzungen gegeben sind – auf Basis des Pflegeneuausrichtungsgesetzes finanzieren. „Da hoffen wir auf Synergieeffekte“, so Stobbe. Wenn mehrere Bewohner das Geld für eine Betreuung geben, könnte eine Person bezahlt werden, die relativ oft im Haus ist.

Die Wohngruppen richten sich an Menschen, die pflegebedürftig und gleichzeitig psychisch krank sind. In dieser Kombination gebe es so etwas in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht, so Stobbe. „Es ist ein Pilotprojekt für MV.“ Deshalb beteiligt sich auch das Land über das Landesamt für Gesundheit und Soziales an der Finanzierung des 1,35-Millionen-Euro-Projektes. Weitere Gelder kommen vom Diakonischen Werk MV in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Bayern. „Und 300 000 Euro hat die Fernsehlotterie zur Verfügung gestellt“, so der Stiftspropst.

Für die Menschen, für die die neuen Pflege-Wohngemeinschaften gedacht sind, gibt es in der Region bisher keine optimalen Angebote. „Wird ein Bewohner unseres Fliednerhauses pflegebedürftig, müssen wir ihn in ein normales Pflegeheim geben, wo es aber schwierig ist, auf seine psychische Erkrankung einzugehen“, erklärt Daniela Brandt, die Leiterin der psycho-sozialen Dienste des Stiftes Bethlehem. „Auf einen Platz im psychiatrischen Pflegeheim wartet man drei Jahre, weil wir im Landkreis nur eins haben.“

Für das Stift ist das Projekt aus einem zweiten Grund wichtig. „Ein Haus, das wie eine offene Wunde auf unserem Gelände stand, bekommt neuen Inhalt und neuen Sinn“, so Jürgen Stobbe.

Die herausgenommene Tür wird nun von einem Tischler restauriert, um zum Abschluss des Umbaus an ihren alten Platz zurückzukehren.

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