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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 18:45 Uhr

Neustadt-Glewe : Zum Mitsingen zu alt?

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Tränen und Empörung im Neustädter A-Cappella-Chor. Vorstand entlässt sieben Sänger wegen ihrer gealterten Stimmen.

svz.de von
erstellt am 22.Mai.2014 | 07:00 Uhr

Drei Monate ist es her, dass sieben Sänger den A-Cappella-Chor in Neustadt-Glewe gegen ihren Willen verlassen mussten. Drei Monate, in denen man sich damit abfinden konnte. Zur Ruhe kommen konnte. Einfach vergessen konnte. Doch die Enttäuschung über den Ausschluss sitzt tief. So tief, dass ehemalige Sänger im Gespräch mit SVZ wieder den Tränen nahe sind. Keiner der sieben Gekündigten will sich damit abfinden. Auch Waltraud Jornstedt nicht.

Jene Woche im Februar hatte für die heute 70-Jährige eigentlich gut begonnen. In der Gaststätte hatte sie ihren runden Geburtstag gefeiert. Mit dem Chor, der ihr prompt ein Ständchen sang. Nur einen Tag später holt sie aus dem Briefkasten eine Einladung zum Gespräch mit dem Vorstand. „Ich dachte, wir reden über neue Pläne für das Jahr“, erinnert sie sich. Aber dann sieht sie die anderen Sechs vor der Tür warten. Ein Sänger kommt aus dem Raum und raunt ihnen zu: „Ihr werdet gleich alle rausgeschmissen.“

Zu siebt werden die Sänger vor den Vorstand zitiert. „Ich wollte das nicht glauben“, sagt Waltraud Jornstedt. Jahrelang war sie selbst Kinderchorleiterin und Musiklehrerin. Ihre Stimme sei zu tief geworden, begründet der Vorstand. Deshalb müsse sie gehen. „Wir sind kein Chor, der nur schöne Lieder singt, sondern Konzerte vorbereitet“ – so sieht es die Chorleiterin Bärbel Ricke. Sie war dabei, als man die Sänger ausschloss. Zwölf Jahre leitet Bärbel Ricke jetzt den Chor. „Ich habe erlebt, wie die Menschen und ihre Stimmen altern.“ Sie will klarstellen: „Menschen über 70 sollen nicht aufhören zu singen.“ Es sei keine Schande, wenn die Stimme schlechter werde. „Sie können trotzdem singen, nur nicht mehr mitsingen.“ Oft habe sie die Damen bei den Proben ermahnt und signalisiert, dass die Töne nicht mehr sitzen. Zudem könnten die älteren Sänger nicht lange stehen und sich über längere Zeit gut konzentrieren.

Deshalb hatten Bärbel Ricke und der Vorstand den Sängern ein Alternativangebot gemacht. „Wir wollten einen zweiten Chor etablieren“, so die Chorleiterin. „Aber das wurde nicht angenommen.“

Zu siebt in einem Chor zu singen, kommt für Ursula Kähler nicht in Frage. „Da kann man doch keine Stimme richtig bedienen. Das macht keinen Spaß.“ Die 76-Jährige hat den Chor vor 43 Jahren mit aufgebaut. „Ich kann nicht glauben, dass man uns jetzt so eiskalt abserviert“, sagt sie. Keine Chorprobe habe sie verpasst. Erwärmung und Gymnastik vorweg, dann das gemeinsame Singen und die Gespräche danach – das alles fehle ihr jetzt. „Jedes Mal, wenn ich den Probenraum betreten habe, hatte ich eine Gänsehaut. So wohl habe ich mich dort gefühlt.“ Leicht habe sich der Vorstand die Entscheidung nicht gemacht, sagt Chorleiterin Bärbel Ricke. „Wir sind aber für alle verantwortlich. Auch für die Sänger, die sich durch schlechte Proben gestört fühlen.“

Außenstehende sehen den Ausschluss kritisch. Ein Arzt, an den sich eine verzweifelte Sängerin wandte, spricht von „Altersdiskriminierung“. Ein Chorleiter aus Schwerin hält das Handeln des Vorstandes für „unmenschlich“. „Wer so reagiert, gehört abgewählt“, sagt Andreas Thorun, Musiklehrer aus Hagenow. „Hier geht es um Laien, die Spaß am Singen haben. Es gibt Chor-Statute, die Gründe festlegen, wann ein Mitglied ausgeschlossen wird. Gealterte Stimmen gehören sicher nicht dazu.“ Für Thorun geht es im Chor vor allem um Lebensfreude. So empfindet auch der ausgeschlossene alleinstehende Sänger Manfred Wetterney aus Neustadt-Glewe: „Der Probentag war der einzige Tag in der Woche, auf den ich mich gefreut habe. Diese Freude hat man mir jetzt genommen.“

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