Ludwigslust : Zuhause in der Fremde

Teshome Toaspern kam vor 26 Jahren aus Äthiopien nach Deutschland. In Ludwigslust hat er seine Frau Tabea kennen gelernt. Hier lebt er mit ihr und den beiden Kindern Monique und Jonas.
Teshome Toaspern kam vor 26 Jahren aus Äthiopien nach Deutschland. In Ludwigslust hat er seine Frau Tabea kennen gelernt. Hier lebt er mit ihr und den beiden Kindern Monique und Jonas.

Teshome Toaspern fühlt sich wohl in Ludwigslust

svz.de von
06. März 2015, 08:03 Uhr

Es kommt vor, dass abends um halb elf das Telefon klingelt, Teshome aus dem Bett springt, sich anzieht und ins Flüchtlingsheim fährt. „Wenn es Ärger gibt, Menschen aus anderen Kulturen im gemeinsamen Zimmer Streit haben, dann rufen sie mich an“, sagt Teshome. Er versucht dann zu schlichten. Der gebürtige Äthiopier ist oft in dem Heim, hilft Flüchtlingen sich zurechtzufinden im fremden Land. Er selbst kam vor 26 Jahren nach Deutschland. Als Student für Melioration in Cottbus. Nach der Wende beendete er eine Ausbildung in Wöbbelin, lernte später um und arbeitet seitdem als Zahntechniker in Schwerin. Der 49-Jährige ist glücklich in Ludwigslust. „Hier habe ich meine Familie, meine Freunde, hier kann ich anderen helfen.“ Beim Interview mit Redakteurin Katharina Hennes erzählt er nebenbei, dass er eigentlich jetzt in der Küche stehen müsste. Am Abend ist er verabredet mit seinen Fußballfreunden aus Wöbbelin. Teshome kocht für sie Äthiopisch, zeigt Fotos aus seinem Geburtsort und berichtet über das Leben in Äthiopien. Einmal im Jahr fliegt er dorthin, besucht seine 80-jährige Mutter und begleitet Hilfsprojekte.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Bleibe fröhlich. Und lass dich nicht bedrücken. Sieh das Leben positiv und schau nach vorn.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz?

Zuhause in Ludwigslust bei meiner Familie. Wenn ich nach Hause komme zu meiner Frau und den Kindern, dann freue ich mich. Jedes Mal aufs Neue.

Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Mein Vater hatte einen großen Garten mit Papayas, Mangos, Bananen und Apfelsinen. Als Zehnjähriger habe ich diese Früchte geerntet und verkauft.

Und wofür haben Sie es ausgegeben?

Für Dinge, die ich in der Schule brauchte. Stifte, Hefte, Bücher.

Wo findet man Sie am ehesten?

Ich bin gern im Schlosspark mit dem Fahrrad unterwegs. Oft schaue ich auch im Flüchtlingsheim vorbei. Von dort rufen mich Menschen an, die Hilfe benötigen. Die kann ganz unterschiedlich sein. Mal helfe ich bei Behördendingen, vermittle Deutschkurse oder schlichte bei Konflikten untereinander.

Was stört Sie an anderen?

Ich mag es nicht, wenn man hinter dem Rücken über andere redet. Wenn ich das miterleben muss, dann schmerzt es mich und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Wer ist Ihr persönlicher Held?

Martin Luther King. Er kämpfte für das, was sich alle Schwarzen wünschen: Weiße und Schwarze sollen zusammen leben können, ohne dass der eine über dem anderen steht.

Was würden Sie gerne noch können?

Saxophon spielen. Vielleicht lerne ich das ja noch.

Was bedeutet Ihnen persönlich Glück?

Wenn die Menschen um mich herum zufrieden sind. Ich habe so viel Elend in meinem Leben gesehen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich so gern helfe.

Wen würden Sie gern mal treffen?

Den Fußballer Pelé. Weil ich ein großer Fußball-Fan bin. Und weil Pelé als erster schwarzer Fußballer aus Brasilien Erfolg hatte.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Ich lese keine Romane. Wenn ich Zeit finde, dann blättere ich in der Bibel. Und jedes Mal finde ich etwas Neues, das mir Antworten gibt oder Rat für bestimmte Situationen.

Wenn Sie kochen oder essen gehen, welche Küche bevorzugen Sie?

Ich koche sehr, sehr gern. Am liebsten Äthiopisch. Schön scharf. Mit viel Knoblauch und selbst gebackenem Fladenbrot.

Worauf könnten Sie niemals verzichten?

Auf sauberes fließendes Wasser. Als Kind bin ich jeden Tag zur Schule gelaufen. 15 Kilometer hin und 15 Kilometer zurück. Da gab es zwischendurch keinen Wasserhahn. Wir haben aus dem Fluss getrunken.

Welchen Traum wollen Sie sich noch erfüllen?

Einmal quer durch Afrika reisen. Mit einem Geländewagen. Irgendwann mache ich das.

Können Sie sich mit nur einem Wort beschreiben?

Von anderen höre ich immer, dass ich so fröhlich bin.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten...

Dass Afrika unabhängig ohne Hilfe von außen leben kann. Eine Welt ohne Hunger. Und eine Welt ohne Rassismus.

Was war Ihr schönstes Geschenk und von wem haben Sie es bekommen?
Das war eine Uhr, die mir meine Frau geschenkt hat, kurz nachdem wir uns kennen gelernt haben.

Mit welchem Lied verbinden Sie Ihre schönsten Erinnerungen ?
Mit einem Lied aus Äthiopien, das wir als Kinder über unsere Heimat gesungen haben.
Verraten Sie uns etwas, was kaum jemand weiß?

Ich singe laut im Auto. Und wenn ich an der Ampel stehe, dann tanze ich dazu fast hinterm Lenkrad.

Wem sollten wir diese Fragen ebenfalls stellen?

Dem Tierarzt Steffen Zwirner. Ein toller Mensch.

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