Wöbbelin/Neustadt-Glewe : Zeitzeugen sind „großes Glück“

Sie haben das KZ Wöbbelin überlebt: Natan Grossmann (l.) und Aron Gross. Fotos: uwe köhnke (1), andreas münchow (3)
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Sie haben das KZ Wöbbelin überlebt: Natan Grossmann (l.) und Aron Gross. Fotos: Uwe Köhnke (1), Andreas Münchow (3)

Feierliches Gedenken an die Befreiung der ehemaligen Konzentrationslager Wöbbelin und Neustadt-Glewe am Dienstag

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02. Mai 2017, 21:00 Uhr

Als Landesrabbiner Yuriy Kadnykov das Kaddisch, das jüdische Gebet der Trauernden, spricht, steht er nicht allein. Natan Grossmann spricht das „Amen“ mit. Der Münchener hat das KZ Wöbbelin überlebt und ist bei der Gedenkveranstaltung an der Gedenkstätte des ehemaligen Lagergeländes dabei.

Jahr für Jahr treffen sich dort Überlebende des KZ Wöbbelin gemeinsam mit Angehörigen bereits verstorbener ehemaliger KZ-Häftlinge, mit Vertretern von Politik und Gesellschaft. Eingeladen hatten auch in diesem Jahr der Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis und der Förderverein der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin.

Hauptrednerin war Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider, die die Magnetkraft der Erinnerungsarbeit in Wöbbelin hervorhob. Im vergangenen Jahr seien 2500 Jugendliche an den verschiedenen Projekten beteiligt gewesen.

Ein Bekenntnis zu den europäischen gemeinsamen Werten als Lehre aus der leidvollen Geschichte war die Rede von Sietske Poepjes, Regionalministerin für die Provinz Friesland, Niederlande. Eine Frucht der künftigen Zusammenarbeit soll ein Schüleraustausch werden, der voraussichtlich im kommenden Jahr beginnt.

Jean-Michel Gaussot, Präsident der Amicale Internationale KZ Neuengamme, hat seinen Vater nie kennengelernt. Er kam erst sieben Monate nach dessen Verhaftung zur Welt. Der Vater war in der französischen Résistance, der Widerstandsbewegung gegen Nazi-Deutschland, aktiv. Nur kurz vor der Befreiung des KZ Wöbbelin durch Soldaten der 82. amerikanische Luftlandedivision kam er im Lager ums Leben.

Feierliches Gedenken am Dienstag auch in Neustadt-Glewe. Genau vor 72 Jahren, am 2. Mai 1945, hatten sowjetische Soldaten die Stadt erreicht und das am Flugplatz gelegene Außenlager des Frauen-KZ Ravensbrück befreit. Hier, am Gedenkstein auf dem ehemaligen Lagergelände, legten Überlebende des Lagers, Angehörige ehemaliger Häftlinge, Schüler und Vertreter der Stadt, darunter Bürgermeisterin Doreen Radelow und Amtsvorsteher Jürgen Rosenbrock, Kränze und Blumen nieder. Erneut kamen auch drei Frauen aus Polen hierher: Janina Iwanska (87) sowie die Schwestern Hanna Gontarszyk (83) und Josefa Baranska (86). Die beiden Geschwister waren mit ihrer Mutter und der älteren Schwester auf den Todesmarsch getrieben worden. Die Schwester wurde erschossen, Hanna und Josefa sowie ihre Mutter erlebten die Befreiung.

Silke Schulz, stellvertretende Stadtpräsidentin und stellvertretende Leiterin der Regionalen Karl-Scharfenberg-Schule, sagte: „Es ist für Neustadt-Glewe, die Schüler und Lehrer ein großes Glück, dass Menschen wie Sie, Frau Iwanska, Frau Baranska und Frau Gontarszyk, bereit sind, uns ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Das furchtbare Leid, das Sie und Ihre Mitinhaftierten erfahren haben, entzieht sich unserem Vorstellungsvermögen.“

Auch auf dem städtischen Friedhof in Neustadt-Glewe wurde der Befreiung vor 72 Jahren gedacht. Die evangelische Pastorin Silke Draeger hatte hier zum Totengebet eingeladen.

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