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Schleusenwärter von Dömitz : Wo Boote "Fahrstuhl" fahren

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Arbeiten, wenn andere Urlaub machen – oder damit sie Urlaub machen können. Das gilt für viele Menschen in unserer Region. Ein Blick über die Schulter des Schleusenwärters Detlef Repenning von Dömitz.

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erstellt am 07.Aug.2013 | 10:20 Uhr

Dömitz | Langsam gleitet die schneeweiße "Havodderen II" durch das stählerne Schleusentor. Detlef Repenning, der das Sportboot gerade von der Müritz-Elde-Wasserstraße auf Elbhöhe hinabbefördert hat, hebt die Hand zum Gruß und schaut dem dänischen Skipper nach. Er ist an diesem Tag nicht der erste ausländische Gast in der Dömitzer Schleuse, die im Amtsdeutsch Schleusenbetriebsstelle heißt. "Heute waren auch schon Holländer, Belgier und sogar Engländer da", erzählt Betriebsstellenleiter Repenning. Insgesamt ist es aber ein relativ ruhiger Tag. "In vier Bundesländern sind die Sommerferien gerade zu Ende gegangen. Das merkt man hier", sagt der 57-Jährige. Und so sind es am frühen Nachmittag noch nicht einmal zehn Boote, die er mit der Kraft des Wassers nach oben bzw. unten befördert hat. Sonst sind es in der Hauptsaison von Mitte Juni bis Mitte September durchschnittlich 30 Schiffe am Tag. Der Tagesrekord liegt bei 70.

Doch dann klingelt das Telefon. "Ja, da können Sie durchfahren. Bis gleich", sagt der Schleusenwärter und legt auf. Vor der Klappbrücke schaukelt eine knapp zehn Meter lange Yacht schon eine Weile unschlüssig im Wasser. "Viele Skipper sind irritiert, weil dort zwei Ampeln auf Rot stehen. Doch leuchtet darüber auch das weiße Licht, dürfen sie die Brücke passieren", erklärt Repenning. "Grün gibt es nur, wenn die Klappbrücke geöffnet ist. Aber das wissen viele nicht oder haben es vergessen." Und so muss er die Frage nach der Durchfahrt mehrmals am Tag beantworten.

Inzwischen hat die "Louisa" im Becken der Schleuse festgemacht. Skipper Karsten Carstens wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. "Das Schleusen ist noch ziemlich aufregend, aber mit jedem Mal wird es besser", sagt der Hamburger. Für ihn, seine Frau und Hund Charly ist es sozusagen die Jungfernfahrt nach dem Kauf des Schiffes, das der vorherige Besitzer selbst gebaut hatte. "Pass auf, das Boot kommt bei dir gleich gegen die Wand", ruft Sigrid Carstens, die in der Mitte des Schiffs steht und versucht, den weißen Rumpf mit einem Tau an der Haltestange zu fixieren. Detlef Repenning ist inzwischen zum Bedienstand gegangen und hat einen Knopf gedrückt. Das untere Schleusentor, also das in Richtung Elbe gerichtete, schließt sich langsam. Repenning kommt zurück zur "Louisa", die nach dem ersten Enkelkind des Skipperpaares benannt ist. "Ein Tipp: Es ist besser, wenn ihr die Fender quer anbindet", erklärt der Schleusenwärter. Dann rutschen die schützenden Polster nicht in die Aussparungen der Spundwand. Der Dömitzer, der nur ein paar Meter entfernt wohnt, hat sich inzwischen auf den Weg zum oberen Tor der Schleuse gemacht. Ein Knopfdruck und schon sprudelt das Wasser mit Getöse in das Schleusenbecken und strömt in unruhigen Halbkreisen zur Beckenmitte. Die Schützen - Schieber im Tor unterhalb der Wasseroberfläche - sind weit geöffnet. "Wenn die Schleuse mit Booten voll ist, öffne ich sie nicht so weit, weil es für die Boote hier vorne dann zu unruhig wäre", erklärt der Schleusenwärter. Da automatisierte Selbstbedienungsschleusen, wie sie immer weiter auf dem Vormarsch sind, nicht erkennen können, ob sich ein Schiff in diesem Bereich befindet, würden diese generell langsamer schleusen, so Repenning. Personal gibt es aber nur noch auf sechs der insgesamt 18 Schleusen zwischen Dömitz und Banzkow. Dabei sind die Mitarbeiter für viele Skipper weit mehr als bloße Fahrstuhl-Bediener. Wo ist die nächste Tankstelle? Wo kann ich einkaufen? Wie tief ist die Fahrrinne der Elbe zurzeit? Repenning gibt gern Auskunft. "Ich sehe mich als Dienstleister für die Touristen und das gehört für mich zum Service."

"Welchen Höhenunterschied überwinden wir denn jetzt", will Karsten Carstens wissen. An diesem Tag sind es 2,60 Meter, an anderen Tagen auch mal bis zu 3,50 Meter. "Weil die staugeregelte Müritz-Elde-Wasserstraße immer denselben Wasserstand hat, hängt die Differenz vom Wasserstand der Elbe ab", erklärt der Schleusenwärter. Bis zu ihrem Ziel, der Müritz, werden die Hamburger Skipper noch einige "Stufen" steigen müssen. Schon bis Plau am See sind rund 50 Meter zu überwinden.

Inzwischen ist es an der Dömitzer Schleuse ruhig geworden. "Jetzt ist der Ausgleich fast hergestellt", erklärt Repenning. "Das sieht man auch daran, dass sich das Wasser kaum noch kräuselt." Er geht zum Bedienstand und drückt den Knopf, um das obere Schleusentor zu öffnen. Wenig später schaltet er die Ampel auf Grün. "Dankeschön. Auf Wiedersehen", sagt Sigrid Carstens.

Im Hintergrund, unter der Hohen Brücke, ist schon das nächste Sportboot zu sehen. "Das passt ja gut", sagt der Schleusenwärter, der in der Saison täglich rund elf Stunden im Dienst ist und die Überstunden dann durch verkürzte Arbeit im Winter ausgleicht. Wäre jetzt aus Richtung Elbe ein Schiff gekommen, hätte er leer schleusen müssen. Gesammelt wird - zumindest bei normalem Wasserstand - nicht. "Wir schleusen auch einzelne Boote", sagt er und geht ins Schleusenwärterhäuschen, um den letzten Vorgang ins Betriebstagebuch einzutragen. Sind weitere Boot bereits in Sicht, wird jedoch gewartet. Schließlich dauert eine Schleusung 15 bis 20 Minuten. Runter und hoch wäre es dann mehr als eine halbe Stunde.

Seit 24 Jahren ist Repenning Leiter der Schleusenbetriebsstelle Dömitz. Damals wollte der Matrose, der zuvor unter anderem auf der Fährlinie Sassnitz-Trelleborg und für eine Binnenreederei unterwegs war, an Land gehen, aber trotzdem mit Wasser zu tun haben. Da kam die ausgeschriebene Stelle gerade richtig. Mit Wasser hat er nun jeden Tag zu tun, mit viel Wasser. Pro "Fahrt" werden rund 1500 Kubikmeter ins oder aus dem Schleusenbecken gepumpt.

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