Gillhoffpreis 2012 : Wirbel um Gillhoff-Preisträger

Dr. Jürgen Rogge (l.) und Hartmut Brun.
Dr. Jürgen Rogge (l.) und Hartmut Brun.

In einer Woche will die Johannes-Gillhoff-Gesellschaft Glaisin den diesjährigen Gillhoffpreis an den plattdeutschen Autor Dr. Jürgen Rogge verleihen. Jetzt gibt es Stasi-Vorwürfe gegen den Preisträger.

svz.de von
01. Juni 2012, 06:13 Uhr

glaisin | In einer Woche will die Johannes-Gillhoff-Gesellschaft Glaisin den diesjährigen Gillhoffpreis an den plattdeutschen Autor Dr. Jürgen Rogge verleihen. Den Beschluss hat sie schon im Januar gefasst. Jetzt wurde das Festprogramm veröffentlicht. Da erreicht den Vorsitzenden der Gillhoffgesellschaft, Hartmut Brun, ein Anruf aus Schwerin. Am anderen Ende der Leitung die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marita Pagels-Heineking. Sie verweist auf eine frühere IM-Tätigkeit des designierten Preisträgers 2012, der in Perleberg lebt. Die Landesbeauftragte verspricht Unterlagen, die ein paar Tage später bei Brun auf dem Tisch liegen. Der Abzug eines Berichtes über die Behandlung eines damaligen Strafgefangenen in Leipzig ist dabei, den jener ins Internet gestellt hat, außerdem ein Auszug aus einem Buch von Sonja Süß "Politisch missbraucht? Psychiatrie und Stasi in der DDR" (Berlin 1998).

Das Buch verweist auf eine lückenhafte IM-Akte, nach der Rogge von 1976 bis 1989 für die Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter tätig gewesen ist. Der Psychiater war damals Chefarzt der Psychiatrischen Klinik des Haftkrankenhauses Leipzig. Er sei nicht nur IM, sondern IME gewesen, unterstreicht, Marita Pagels-Heineking. "Inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz", ein besonders wertvoller IM für die Stasi. Ihre Aufregung über die Preisverleihung an Rogge ist darum groß.

Auch der Gillhoffpreisträger von 1982, Ulrich Schacht, der seine Auszeichnung noch in Hamburg entgegen genommen hatte, meldet sich per E-Mail aus Schweden und reagiert empört, droht mit der Rückgabe seines Preises und dass auch andere Preisträger oder deren Familien so reagieren würden. Dabei fällt auch der Name des leider zu früh verstorbenen Schriftstellers Walter Kempowski, der ein Jahr später den Preis erhalten hatte.

Gelassen dagegen reagiert die Gillhoff-Gesellschaft. Hartmut Brun sieht aus den Materialien der Stasi-Unterlagenbehörde keinen Anlass, die Auszeichnung zurückzunehmen. "Ich kann nicht erkennen, dass Dr. Rogge einem Menschen geschadet hat. Und so lange jemand keine Schuld nachgewiesen ist, ist er unschuldig!" Das würden auch viele andere Mitglieder der Gillhoff-Gesellschaft so sehen.

Jürgen Rogge selbst war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, hat aber bereits aus seiner Haltung kein Hehl gemacht. Er reagiert gelassen und überlässt der Gillhoff-Gesellschaft die Entscheidung. Rogge will lieber nicht Preisträger sein, wenn die Gillhoffgesellschaft dadurch Schaden nehmen würde. Hartmut Brun dagegen sieht keinen Grund: "Die Auszeichnung erhält er nicht für seine berufliche Tätigkeit, sondern für seine herausragenden Verdienste um die plattdeutsche Literatur", sagt er kategorisch.

Und auch der Laudator, der Gillhoffpreisträger des letzten Jahres, Wolfgang Kniep, redet gar nicht lange herum. Er gibt keine Interviews. Für ihn ist klar, dass er am 9. Juni die Laudatio auf Jürgen Rogge halten wird. Da bleibt auch er eindeutig.

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