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Ludwigsluster Tageblatt

23. November 2017 | 19:54 Uhr

Ludwigslust : „Wir sind nicht weniger wert“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Flüchtlinge berichten Journalisten, Politikern und Menschenrechtlern über ihre Situation im Ludwigsluster Heim

von
erstellt am 19.Okt.2014 | 17:18 Uhr

„Dürfen wir hereinkommen?“, fragt eine Journalistin den jungen Syrier Saeeb. Er guckt fragend ins Treppenhaus. Dort stauen sich auf den Stufen zum ersten Stock die Besucher. Journalisten, Politiker und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen wollen sich im Flüchtlingsheim umsehen und Bewohner interviewen. Die Amadeu Antonio Stiftung und das Projekt Lola für Ludwigslust haben zu einer mobilen Pressekonferenz geladen. Sie wollen der rechtsextremen Hetze gegen Flüchtlinge im Bundesland ein realistisches Bild entgegensetzen. Deshalb touren sie seit diesem Morgen durch das Land, machen sich selbst ein Bild von den Lebensbedingungen der Flüchtlinge. In Anklam, Güstrow und in Ludwigslust.

Hier im Heim reagieren die Flüchtlinge überrascht auf den Besuch. Der Bus war nicht angekündigt. Saeeb führt die Gäste in sein Zimmer. Drei Betten, ein Tisch, ein rostiges elektrisches Heizgerät. „Das habe ich auf dem Flohmarkt gekauft. Es ist kalt hier und unsere Heizung ist kaputt“, erzählt er in fließendem Englisch. Seit drei Monaten lebt der 28-Jährige mit zwei anderen Syriern in dem Zimmer. Die Duschen sind im Keller, die Küche teilt er sich mit acht anderen Syriern aus dem Wohntrakt. Darunter ein junger Arzt und ein studierter Wirtschaftswissenschaftler. „Es ist gut, dass ihr euch nach uns erkundigt“, sagt Saeeb. „Ich möchte allen da draußen sagen, dass ich nicht weniger wert bin als sie.“ Saeeb war über Griechenland aus Damaskus vor Krieg und Terror geflohen. Seine Schwester hat es nach Holland geschafft, der Bruder ist auf der Flucht in die Türkei. Seit Wochen wartet der junge Mann auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Er hat studiert und in der IT-Branche gearbeitet. „Ich will hier arbeiten, Deutsch lernen. Alles andere ist Zeitverschwendung.“

Saeeb ist einer von 49 Syriern hier. Im Heim leben 260 Flüchtlinge. Zwei weitere werden am Montag erwartet. „Dann sind beide Häuser bis auf das letzte Bett belegt“, sagt der Heimleiter Hans-Erich Jakobi. Bei so wenig Kapazität könne er bei der Zimmerbelegung keine Rücksicht mehr nehmen auf Nationalitäten und Befindlichkeiten.

Haben die Bewohner Probleme, kommen sie meist zuerst zu ihm. Sabrina aus Bosnien, Mutter von drei Kindern und einem Säugling, tut das oft. Sie schimpft über die hygienischen Zustände. „Eine Küche für vier Familien, Schimmel an den Wänden, Kakerlaken überall und so viele Wanzen im Bett.“ Die Kinder seien übersät mit den Bissen. Bei Sohn Dorian habe sich eine Wunde so stark infiziert, dass er operiert werden musste. Jetzt kämpft die Familie für eine eigene Wohnung. Mit einem Bescheid von der Ärztin sucht sie in Rostock Rechtsbeistand.

Die Menschenrechtler fühlen sich nach diesem Tag in ihrem Anliegen bestätigt. Bevor sie das letzte Mal in den Bus steigen, verliest Imam Jonas Dogesch unter Applaus die politischen Forderungen zu Lebenssituationen von Flüchtlingen in Mecklenburg-Vorpommern. „Wir fordern die Abschaffung aller Flüchtlingsheime.“ Flüchtlinge sollten das Recht haben, selbst zu bestimmen, wo und wie sie leben.

Auch Stella Hindemith von dem Projekt „Lola für Lulu“ hat die Bustour seit dem Morgen begleitet. Sie kennt die Zustände im Ludwigsluster Heim von vielen persönlichen Besuchen. „Der Menschenwürde entspricht das nicht“, sagt sie. Es dürfe einfach nicht sein, dass junge Frauen im Winter über den Hof zu den Gemeinschaftsduschen laufen müssen. Jeder habe das Recht auf Privatsphäre. „Da muss in Ludwigslust noch sehr viel getan werden.“

 

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