Wieviel Minuten sind 519 Sekunden?

Auch die  bereits fünfte Auflage der Hamburg-Berlin-Klassik-Rallye startete    am Fischmarkt der Hansestadt. Bis zum Ziel sind bis heute Abend  rund 800 Kilometer in sechs Etappen zurückzulegen. Weite, landschaftlich reizvolle Strecken führten auch durch MV.  Jürgen Seidel
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Auch die bereits fünfte Auflage der Hamburg-Berlin-Klassik-Rallye startete am Fischmarkt der Hansestadt. Bis zum Ziel sind bis heute Abend rund 800 Kilometer in sechs Etappen zurückzulegen. Weite, landschaftlich reizvolle Strecken führten auch durch MV. Jürgen Seidel

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21. September 2012, 06:19 Uhr

Hamburg/Ludwigslust | Auf einmal wurde es in dem eigentlich ziemlich geräumigen Ford Granada, Startnummer 151, des Teams der Lebenshilfe Gießen e.V. mit Reinhard Schade und Tina Gorschlüter doch etwas eng und ein bisschen stressig. Die dritte von vier Wertungsprüfungen auf der ersten Etappe von Hamburg nach Ludwigslust war als "geheime Prüfung" ausgeschrieben. Kannte die Mannschaft bei den normalen Prüfungen Streckenlängen und Zeiten, so reichte hier erst ein Streckenposten einen Zettel mit beiden Vorgaben an den Beifahrer - in diesem Falle an den SVZ-Reporter, der einmal selbst erleben wollte, "wie Rallye geht".

Und da war auch schon das Problem: Für die auch erst jetzt bekannte Fahrstrecke standen 519 Sekunden zur Verfügung. Exakt nach diesen 519 Sekunden war die Lichtschranke am Ende der Prüfung zu durchqueren. Die Stoppuhr in der Hand des Beifahrers aber zählte nur Minuten und Sekunden. Wieviel Minuten sind denn nun 519 Sekunden? 519:60? Normalerweise keine allzuschwere Rechenaufgabe.

Im mittleren Stressbereich aber sieht das ganz anders aus. Drei Leute im Auto, drei Meinungen - selbstverständlich in voller Fahrt. Sollte Reinhard nun Gas geben oder eher die Geschwindigkeit drosseln? Wann war die Lichtschranke zu passieren? Immer noch keine Minutenangabe. Nochmal rechnen. Dann Tina überzeugt: "Wir müssen bei 8 Minuten 39 drüber." Der Beifahrer zählte laut die ablaufenden Sekunden, und exakt bei 8:39 passierte der beigefarbene "Ford Granada" das Ziel. Auch die anderen drei Prüfungen des Nachmittags legte die fröhliche Besatzung, die auf der Fahrt von Westen nach Osten nicht nur die wundervolle Landschaft und das prächtige Spätsommerwetter - besonders gut für die zahlreichen offenen Fahrzeuge im Starterfeld der 185 Wagen zwischen 1903 und 1990 -, sondern auch die Begeisterung von Zuschauern und zahlreichen Paparazzi an der Strecke genoss. Viele erwiderten das laute Hupen von Reinhard mit kräftigem Winken.

Und immer zeigten vor allem Männer auf unser Auto und riefen: "So einen habe ich auch mal gehabt!" - Kein Wunder, schließlich wurde der damals äußerst komfortable, nach dem spanischen und nicht etwa nach dem amerikanischen Granada benannte, obere Mittelklassewagen zwischen 1972 und 1985 im deutschen Köln und im britischen Ford-Werk Dagenham hunderttausendfach gebaut und auch in Deutschland sehr gut verkauft. Erst später folgten der massenhafte "Export" durch türkische "Gastarbeiter" sowie massive Imageprobleme des amerikanischen Automobilkonzerns. Viele Besitzer hatten ihre Granadas einfach nicht mehr lieb und ließen sie im Stich. So kommt es, dass Modelle dieses tollen Typs heute eine große Rarität sind. Unser Ford-Flaggschiff aus den 70ern stammt übrigens aus dem Besitz des ZDF-Polit-Kabarettisten Urban Priol ("Neues aus der Anstalt"), welcher es für die 18. Oldtimerspendenaktion 2012 der Lebenshilfe Gießen zugunsten von Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen zur Verfügung gestellt hat. Auch während der Rallye verteilten Reinhard und Tina viele Lose. Mit 5 Euro und etwas Glück ist unser "Granada" zu gewinnen. Auch der Reporter wird es versuchen und so vielleicht vom Beifahrer zum Fahrer aufsteigen. Nach Etappe 1 stehen wir auf Platz 107. Immerhin. Im abendlichen Ludwigslust herzlich und mit viel Hallo begrüßt worden. Reinhard und Tina wollen gern und länger wiederkommen. Lulu ist ihnen jetzt ein Begriff. Und der Beifahrer ist zur HBK 2013 eingeladen. "Feuertaufe bestanden", gratulieren Reinhard und Tina. Alles Granada, oder wie?

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