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Schloss Ludwigslust : „Wie in einer Zeitkapsel“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Erstmals darf die Öffentlichkeit in den leer geräumten Schlossflügel. Restaurator Andreas Baumgart zeigt, was sich hinter den Tapeten verbirgt

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Im Raum 120 meldet sich dann doch der Schlossleiter Jörg-Peter Krohn zu Wort. Eigentlich wollte er beim „Rendezvous im Westflügel“ nur Gast und aufmerksamer Zuhörer sein. Wie die vielen anderen Ludwigsluster, die sich an diesem Mittwochabend der Führung von Restaurator Andreas Baumgart anschließen. Aber als die Runde im Raum 120 vor einem kleinteiligen barocken Sprossenfenster steht, platzt es aus dem Schlossleiter heraus: Fast 200 Jahre sei das Fenster von innen gar nicht sichtbar gewesen, erzählt er. Man hatte davor eine Wand gesetzt, damit es in der erbherzöglichen Wohnung mehr Hängefläche für die Gemälde gab. Nachdem 1991 hier die Kreisverwaltung auszog, nutzte das Museum das Zimmer als Depot. Es war bis zum 21. Jahrhundert nie öffentlich zugänglich. Als dann die Restauratoren die Wand vor dem Fenster das erste Mal abnahmen, entdeckten sie die originale Kreidegrundfassung mit Holz und Farbe aus der Zeit um 1780. „Das war schon ein bisschen freaky“, sagt Jörg-Peter Krohn zu den Gästen in der Runde. „Das fühlt man sich wie in einer Zeitkapsel.“

Der Restaurator Andreas Baumgart hat die Freilegungsarbeiten in den zurückliegenden Monaten vor Ort begleitet. „Das war sehr spannend“, sagt er. „Es macht so viel Spaß, Dinge zu entdecken, aus denen man Rückschlüsse auf das Leben im Schloss ziehen kann.“

So hatten die Restauratoren in einem Zimmer im ersten Obergeschoss das Boudoir der Herzogin Luise entdeckt. Den Beweis dafür lieferten Abdruckkanten, Schraublöcher und die langen bis unter die Decke reichenden Holzbretter, an denen aller Wahrscheinlichkeit nach Spiegel befestigt waren. Bisher hatte das Museum in diesem Zimmer die Wohnstube der Herzogin nachgestellt. Zwischen DDR-Tapeten in eintönigem Beige standen hier eine Kommode, ein Sofa und ein Tisch. Nach der Restaurierung in den kommenden Jahren soll es wieder ein Spiegelkabinett werden, das dem Originalzustand möglichst nahe kommt. Dafür werden besondere Spiegel mit Quecksilber, Zinn und Amalgam beschichtet - so wie es im 18. Jahrhundert üblich war. „Würden wir die heute üblichen Silberspiegel verwenden, wäre der Reflexionsgrad zu hoch und das entspricht nicht der Realität von damals“, sagt Andreas Baumgart. Bei der Rekonstruktion der Tapeten allerdings sind auch den Restauratoren Grenzen gesetzt. Die chinesische Seidentapete, deren Reste unter rostigen Nägeln hinter der Wandbekleidung gefunden wurden, könne nicht wieder hergestellt werden. „Das geht nur in aufwendiger Handarbeit und ist heute nicht zu bezahlen“, sagt Baumgart.

Wie teuer die Sanierung des Westflügels wird, dazu gibt es noch keine Angaben. Nur die Vorgabe: Keiner der wahrscheinlich sechs Bauabschnitte darf mehr als fünf Millionen Euro kosten. 75 Prozent der Kosten werden von der EU gefördert. Wie Projektleiterin Steffi Dahl vom Betrieb für Bau- und Liegenschaften erklärt, müssten zurzeit die Haushaltsunterlagen erarbeitet werden, bevor 2018 die Gewerke europaweit ausgeschrieben werden. Frühestens Ende 2018 ist mit den ersten Handwerkern im Westflügel zu rechnen.

Auch dann wird es weiter die  „Rendezvous im Schloss“ geben. „Das Schloss soll auch für die Ludwigsluster da sein - nicht nur für die Touristen“, sagt Schlossleiter Jörg-Peter Krohn und versichert: "Wir werden Sie hier auch über die Großbaustelle führen.“

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