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Ludwigsluster Tageblatt

19. Oktober 2017 | 04:00 Uhr

Ludwigslust : Wanderer zwischen zwei Welten

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Ehemalige Nachwende-Jugend berichtet im Luna-Filmtheater in Doku über Erinnerungen aus den Jahren 1989 bis 1990

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2015 | 07:00 Uhr

Den Mauerfall haben die beiden Protagonisten des Dokumentarfilms „Generation ’89 – Erwachsenwerden im Wendejahr“ schlichtweg und ergreifend verpennt. „Ich hab den Mauerfall tatsächlich in meinem Bett miterlebt. Ich hab das wichtigste Ereignis verschlafen, so wie viele Teenager“, verrät die Regisseurin und Produzentin des Films, Anke Ertner. Sie war 14 Jahre alt, als die Grenze geöffnet wurde und wohnte mit ihrer Familie in Strausberg bei Berlin.


Erinnerung an eine vergessene Generation


Mit der Idee des Films gehe sie schon seit Jahren schwanger, erzählt sie. „Ich fand schon damals, dass wir die vergessene Generation sind. Und fand es wichtig zu zeigen, wie wir, die Jugendlichen, den Mauerfall und das Jahr zwischen ’89 und 1990 wahrgenommen haben.“ Nachdem sie eine Karriere im Journalismus verfolgte und das Handwerk des Filmemachens erlernt habe, arbeitete sie darauf hin, das Filmprojekt mit ihren sechs Freunden zu verwirklichen. „Vor zwei Jahren haben wir effektiv mit dem Dreh des jetzt 72-minütigen Films angefangen. Es war gar nicht so einfach, alle sieben Köpfe an einen Tisch zu bekommen“, sagt die 40-jährige Fernsehautorin.

Einer dieser Köpfe und Freund von Anke Ertner ist Kai Dahlke. Der 42-Jährige wuchs in Lenzen an der Elbe auf. Als die Mauer fiel, war er 16 Jahre alt und gerade frisch von zu Hause ausgezogen, um die EOS, das Internat in Ludwigslust zu besuchen. Ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen Untergangsstimmung und Aufbruch zu neuen Ufern.

„Ich habe, wie Anke, auch verschlafen, als die Mauer fiel. Am nächsten Morgen hörte ich es dann von einer Mitschülerin“, berichtet der heutige Vater zweier Kinder. In Lenzen habe er damals Freunde gehabt, die im Sperrgebiet wohnten. Die konnte er nach der Schule nicht so einfach ohne Passierschein besuchen, trotzdem, habe er sich in der DDR nie eingesperrt gefühlt. „Aber auf einmal, war der Traum des Reisens Wirklichkeit geworden“, sagt er. Doch prägten in diesem Jahr nicht nur politische Ereignisse Dahlkes Leben, sondern auch sehr persönliche. „Durch meinen Auszug von zu Hause fühlte ich mich natürlich schlagartig erwachsen. Man macht sich über seine Zukunft viele Gedanken und dann kam der Mauerfall. Das veränderte die gesamte Situation und natürlich seine eigenen Perspektiven.“ Trotzdem habe er in dieser Zeit viel Unsinn gemacht. „Gefühlt war es so, als gäbe es keine Regeln mehr“, beichtet Dahlke, der seit elf Jahren als Pressereferent tätig ist. Heute wohne er in Berlin mit seiner Familie und käme oft nach Lenzen zurück. Sein Vater, Klaus Dahlke, sei begeistert von dem Film. „Ich finde es sehr angenehm, dass sich junge Leute zu diesem Thema kritisch äußern. Mein Sohn spricht mir dabei aus der Seele“, offenbart der 69-Jährige.

Genauso begeistert war Karin Schorr. Die gebürtig aus dem Westen stammende 56-Jährige kam gemeinsam mit ihrem Mann zu der komplett ausverkauften Vorstellung ins Luna-Filmtheater nach Ludwiglust. Einige Zuschauer nahmen sogar auf dem Boden Platz, nur um dabei zu sein. „Dieser Film war sehr aufschlussreich. Das Thema war weit entfernt von den sonst gezeigten ‚Es war alles gut‘- Klischees“, äußerte Karin Schorr.

„Es war wirklich ein sehr berührender Film, in denen die Leute vor der Kamera ehrlich und direkt ihre persönliche Geschichte erzählen“, meint Christian Quis, Inhaber des Luna-Filmtheaters. Der 59-Jährige sei ganz begeistert, dass es heutzutage noch Dokumentationen gäbe, die so authentisch seien. „Es ist immer wieder wunderschön zu sehen, wenn Leute über ihr eigenes Leben reden, ohne vorher einen Text auswendig gelernt zu haben. Daher haben wir vor, den Film in absehbarer Zeit noch einmal zu zeigen.“

Auch Anke Ertner ist an diesem Abend sichtlich stolz. Ausverkaufte Vorstellung und herzliche sowie bekannte Gäste machen den Abend zu etwas ganz Besonderem. „Rückwirkend finde ich es faszinierend, wie wir, die damals jungen Leute, uns mit den Jahren an die vielen Veränderungen gewöhnt haben“, sagt sie am Ende des Films und entlässt damit viele ihrer Generation nachdenklich zurück in das Leben vor der Kinotür.

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