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Sanierung Schloss Ludwigslust Teil 2 : Von einigen recht „merkwürdigen Kunstwerken“

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Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Korkmodellsammlung von Herzog Friedrich Franz I. ist heute die einzige vollständig erhaltene Sammlung ihrer Art. 20 restaurierte Modelle ab 6. März in Gemäldegalerie

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erstellt am 26.Feb.2016 | 08:00 Uhr

Noch 9 Tage: Der Ostflügel des Ludwigsluster Schlosses wird am 6. März nach umfangreicher Sanierung und Restaurierung wieder eröffnet. SVZ gewährt bis dahin täglich einen Blick hinter die herrschaftliche Fassade.

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Zu den wohl außergewöhnlichsten Stücken in der herzoglichen Kunstsammlung zählen die Korkmodelle antiker römischer Gebäude. Diese zeigte Herzog Friedrich Franz I. Anfang des 19. Jahrhunderts auch in seiner Gemäldegalerie.

So schrieb der Prediger Johann Wundemann 1803: „Von dem erwähnten großen Saal der Bildergalerie muss ich indes noch einige darin aufgestellten merkwürdigen Kunstwerke erwähnen. In der Mitte des Saals steht nämlich ein langer Tisch, der mit Phelloplastikarbeiten besetzt ist, mit genauen und täuschenden Nachahmungen von den vorzüglichsten Denkmälern und Gebäuden des Altertums, besonders in Rom. Diese Abbildungen sind in Kork, und so genau, dass, nach Aussage des seel. Seehas, nicht bloß die Farben, sondern auch einzelne Flecken, Moosansätze und Verletzungen, im verjüngten Maßstabe, aufs sorgfältigste dargestellt sind“. Der höfischen Repräsentation und dem Zeitgeschmack entsprechend, ließ Herzog Friedrich Franz I. Baudenkmale der römischen Antike als Modelle für Ludwigslust herstellen. Seine Korkmodellsammlung umfasst 29 Arbeiten, die in der Werkstatt des deutschen Korkbildners Carl Joseph May (1747–1822) in Aschaffenburg gefertigt wurden. Sie ist heute die einzige vollständig erhaltene Sammlung.

Die Idee, Bauwerke der Antike in Kork nachzubilden, war zunächst in Italien entstanden. Der Römer Antonio Chichi (1743–1816) gilt neben Agostino Rosa (1738–1784) und Giovanni Altieri (1767–1790) als der Begründer der Reproduktionstechnik aus Kork. Er entdeckte schon früh ihren kommerziellen Nutzen, da vor allem ausländische Reisende von ihrer Grand Tour gern ein Souvenir in Gestalt eines Modells antiker Ruinen mit nach Hause nahmen. Einzelstücke oder auch ganze Serien verkaufte er an die Höfe Europas, nach St. Petersburg, Kassel oder Darmstadt und an wohlhabende Reisende. Darüber hinaus erfüllten die Modelle den Zweck einer Dokumentation mit wissenschaftlichem Anspruch – sie waren Sammlungsobjekt und Lehrmittel zugleich. Die Korkplastik stand für die dreidimensionale verkleinerte Kopie antiker Architektur gleichberechtigt als ein abbildendes Medium neben der Zeichnung und dem Abguss.

Kork ist ein Material, das zum einen besonders leicht, zum anderen aber auch bis in die Details sehr präzise zu bearbeiten ist. Carl Joseph May, von Beruf Konditor, hatte sich seine Kenntnisse der Bearbeitungstechnik als Autodidakt erworben. May beschränkte sich aber nicht nur auf die Herstellung antiker Bauwerke, sondern fertigte auch Zeugnisse der deutschen Baukunst als Modelle an. Entsprechend der Kaufkraft von Kulturinteressierten bot er dasselbe Bauwerk in verschiedenen Modellgrößen an. Kurios ist dabei, dass May die antiken Bauwerke selbst nie im Original vor Ort in Italien gesehen hatte. Als Vorlagen für seine Modelle dienten wohl in erster Linie die 36 Modelle Antonio Chichis in Kassel, welche er abzeichnen ließ, diese als Kopie nachbaute und dadurch versuchte, die Authentizität zum Original zu betonen.

Zwanzig restaurierte Modelle werden ab dem 6. März in der Gemäldegalerie zu bewundern sein. An einigen Modellen sind auch heute noch die Maßangaben in römischen Spannen, den palmi romani zu lesen.

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