ludwigslust : Von Einheit und Nationalbewusstsein

Das Schlosscafé war am Mittwochabend sehr gut gefüllt. Rund 150 Leute wollten Friedrich Schorlemmer in Ludwigslust erleben.
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Das Schlosscafé war am Mittwochabend sehr gut gefüllt. Rund 150 Leute wollten Friedrich Schorlemmer in Ludwigslust erleben.

Friedrich Schorlemmer zu Gast im Schlosscafé Ludwigslust / Der evangelische Theologe und Publizist sprach zum Thema „Deutschland, du mein Fröhlichsein“

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07. August 2015, 07:00 Uhr

Das schmucke Schlosscafé im Barockschloss Ludwigslust ist voller Menschen. Friedrich Schorlemmer ist an diesem Abend zu Gast, auf Einladung des Kunst- und Kulturvereins Ludwigslust (Kukululu) und mit freundlicher Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro MV. Die Organisatoren um Kukululu-Geschäftsführerin Astrid Kloock holen immer wieder Stühle von der Terrasse. Für die letzten Besucher gibt es zwar nur noch Stehplätze, aber das nehmen sie in Kauf. Denn wann gibt es schon mal die Gelegenheit, den Theologen, Bürgerrechtler, streitbaren Publizisten und Buchautoren Friedrich Schorlemmer aus nächster Nähe zu erleben? Einen hervorragenden Rhetoriker, exzellenten Redner, voller Witz, Satire und Ironie. „Deutschland, du mein Fröhlichsein“ ist das Motto seines Vortrages. Und als sein musikalischer Begleiter Martin Just aus Alt Brenz das Lied „Heimat, meine Trauer (Deutschland)“, Text: Johannes R. Becher; Musik: Hanns Eisler) anstimmt, fragt er Friedrich Schorlemmer anschließend: „Ein vereintes Deutschland, eine Utopie?“ Und dieser antwortet: „Es ist noch nicht aller Tage Abend“. Was in der Runde der etwa 150 Besucher unterschiedliche Reaktionen vom erstaunten Raunen bis zum Lacher hervorrief. „Was wir sein könnten, wenn wir nur wollten“ - dieser Satz zog sich wie ein roter Faden durch seinen Vortrag. Schorlemmer sprach von den Anfängen des Zusammenwachsens der Deutschen in der Wendezeit, über die Jahre des Aufbruchs, über das Zusammenwachsen zwischen den Deutschen in Ost und West. „Zu viele lassen sich heute zu schnell einschüchtern, gehen in die Knie, bevor die Faust überhaupt sichtbar ist“, so Schorlemmer. „Es gibt zu viele Duckmäuser in der Demokratie, auch in der Bundesrepublik.“ Die Wiedervereinigung ist für den Theologen eine Neuvereinigung von zwei Teilen, wobei er die Begriffe Wessis und Ossis nicht gut findet. Er spricht eher von Ostdeutsch-Sozialisierten und Westdeutsch-Sozialisierten. „Der Unterschied ist nur, dass wir in der ehemaligen DDR 40 Jahre Besatzung hatten. Dass die Besatzung in der BRD aber noch nicht aufgehört hat - bis vor zwei Jahren kannte man die NSA vom Namen her doch gar nicht.“ Schorlemmer sprach von Ämtern, Posten und Allianzen. „Stellen Sie sich vor, wir hätten die besiegt und hätten die Posten übernommen?“ Das Leben in der DDR: „Man darf es nicht schwärzer machen als es ist, aber auch nicht rosaroter“, sagte Schorlemmer, auf die 40 Jahre in der Deutschen Demokratischen Republik zurückblickend. „Es ließ sich hier leben, aber es war nicht einfach zu leben. Es war auch eine Zeit des Widerstandes und des Widerstehens.“

Er schlug den Bogen von der Frage „Was ist deutsch?“, über den Stolz auf das, was die Deutschen erreicht haben und vorweisen können, bis hin zum Beitrag in Europa und der Welt. Da kritisiert er vor allem jene Politiker einer antirussischen Einheitsfront im Ukraine-Konflikt, beschwöre aus seiner Sicht die Gefahr eines Weltkriegs. „Ich lebe gern in diesem Land, aber es ist wichtig, dass die Würde des Menschen, und zwar aller Menschen unantastbar ist, so wie es im Grundgesetz steht. Die Nagelprobe für unsere Demokratie wird sein, ob wir eine Willkommenskultur oder eine Abwehrkultur entwickeln. Freiheit und Gerechtigkeit gehören zusammen. Die Menschenrechte müssen auch für alle gleich sein. Wir müssen wachsam sein gegen Rechts, für eine bunte, offene Republik einstehen.“

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