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Ludwigsluster Tageblatt

24. August 2017 | 05:15 Uhr

Dadow : Von der Intelligenz erbeutet?

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Martin Eckert hat im Selbstverlag einen wissenschaftlichen Roman mit einer skurrilen These herausgegeben.

Martin Eckert macht sich keine Illusionen. „Dieses Buch wird wohl keinen Verleger finden“, sagt und schreibt er über seinen ersten Roman, den er am Wochenende auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren will. Der gebürtige Baden-Württemberger, der seit vier Jahren in Dadow bei Grabow lebt, weiß, dass die darin verarbeitete These provoziert. Er ahnt, dass sie den einen oder anderen Leser verstören könnte. Aber die Gedanken mussten raus aus seinem Kopf, rauf aufs Papier. Gedanken, die der 62-Jährige gut 30 Jahre lang mit sich herumschleppte. Seine Überlegung: Hat die Intelligenz den Menschen womöglich erbeutet und nutzt ihn nur aus, um sich fortzupflanzen?

„Der Leitgedanke der Story erscheint fiktiv, aber ausgeschlossen ist er nicht“, sagt Martin Eckert. Der Roman mit autobiografischen Zügen, den der Autor als gesellschafts- und menschenkritisch beschreibt, handelt vom Hochschullehrer Oscar. Als Evolutionsgenetiker ist er seit Jahren auf der Suche „nach dem Substrat menschlicher Klugheit“. Trotz spektakulärer Forschungsergebnisse und obwohl er nach einem Schicksalsschlag evidente Beweise für seine Hypothese findet, bleibt die Anerkennung aus. Im Gegenteil.

Als Martin Eckert vor gut 30 Jahren Vater wurde, war er überglücklich. Doch sein Glück währte nicht lange. Eine Chromosomen-Darstellung ergab, dass sein Kind eine Genommutation hat. „Meine Tochter hatte Trisomie 15 und es hieß, dass bis dahin keines der betroffenen Kinder älter als 14 geworden sei“, erzählt der Dadower. „Ich fragte mich, was da passiert war, und fand für mich einen Erklärungsansatz, der mir sehr half. Vielleicht war es der spontane Versuch, den Menschen in seiner merkwürdigen Art zu verändern?“ Nach zwei Jahren verlor er seine Tochter.

Dieser Ansatz führte ihn zu seiner Hypothese. Danach entwickelte sich der Mensch zunächst im Prozess der Evolution. „Doch dann muss irgendetwas passiert sein, eine Mutation oder Infektion“, sagt Martin Eckert. „Was, wenn die Intelligenz den Menschen befallen hat – wie Viren die Zellen von Lebewesen – und diesen nur als Wirt benutzt, um sich fortzupflanzen?“ In seinem Roman liest es sich dann so, als Oscar seine Erkenntnis über das Warum menschlicher Intelligenz seiner Frau Anja mitteilt: „Wir Menschen sind ganz erbärmliche, transgene Kreaturen, in deren Erbgut sich irgendwann eine fremde Materie eingenistet hat. Tote Materie! Sie ist es, die uns so krank, so überheblich macht, gegenüber allem Lebendigen, wider unserer eigenen Natur. – Aber unsere Tochter […] sie ist von diesem Frevel befreit.“

Wenn Martin Eckert sich den heutigen, klugen Menschen anschaut, kommt er zu dem Schluss, „dass da in dessen Erbgut irgendetwas nicht stimmen kann.“ Der Dadower begründet: „Kein Tier käme zum Beispiel auf die Idee, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören. Wir machen unseren Planeten kaputt.“ Und er verweist auf den „missing link“, die Lücke in der Entwicklungsreihe zwischen dem menschenähnlichen Affen und dem klugen Menschen, für die keinerlei Funde existierten und die mit rund 40 000 Jahren für einen evolutionären Prozess viel zu kurz sei.

Die kühne, skurrile These will – zumindest für den Außenstehenden – nicht recht zu dem Menschen Martin Eckert passen. Der mit seiner Frau, drei Pferden, Hund und Katze auf einem beschaulichen Hof in Dadow lebt. Der Medizin und Biologie studiert hat und promovierter Neurobiologe ist. Der mehr als 25 Jahre lang sein eigenes Forschungsinstitut für pharmazeutische Produkte führte. Der Klavierunterricht an der Musikschule nimmt, Gemälde malt und Flüchtlinge in deutscher Sprache unterrichtet hat. Selbst seine Frau hatte zunächst ein paar Probleme mit den Gedankengängen ihres Mannes. „Es hat mehrere Jahre gedauert, mich damit anzufreunden“, sagt Marie Eckert. „Aber mittlerweile habe ich ein gewisses Verständnis dafür.“

Zweieinhalb Jahre hat Martin Eckert an seinem Buch, das auch Einblicke in die Gen- und Evolutionsforschung, in deren Geschichte und aktuelle Ergebnisse gibt, gearbeitet. Wenn er mal nicht weiterkam, stand er auf, setzte sich an seinen Flügel und spielte klassische Musik. Abends las er häufig seiner Frau, einer gebürtigen Schwedin, einzelne Kapitel vor. Mal riet sie, etwas Lustiges einzubauen, mal fragte sie, ob die Familie kein Haustier habe. Und dann bekam sie eins, den Kater Carlo. Damit kein Gedanke, keine Idee verloren geht, hatte er immer ein kleines schwarzes Notizbuch dabei. Er skizzierte das Haus, in dem Oscars Familie lebt, stellte eine Tabelle mit dem zeitlichen Ablauf der Geschichte auf, damit am Ende alles zusammenpasst.

Und welche Schlussfolgerung zieht Martin Eckert aus seiner Hypothese für sein eigenes Leben, was will er dem Leser sagen? „Wir sollten den natürlichen Vorgängen mehr Beachtung schenken, auf die natürliche Basis des Menschen zurückkehren“, so der 62-Jährige. Der Mensch sollte sich als ein Wesen unter vielen verstehen, die anderen Wesen gut behandeln und nicht sein eigenes Biotop zerstören. „Der Mensch sollte sich mäßigen, wegkommen vom hypertrophen Denken, von seinem Machbarkeitswahn“, sagt Eckert mit Blick auf gigantische Bauwerke wie die neue Autobahn-Brücke bei Fresenbrügge, riesige Wolkenkratzer oder die Suche nach Wasser auf dem Mars und anderen bewohnbaren Planeten. „Warum wollen wir denn weg?“

Ab Freitag präsentiert Martin Eckert seinen Roman, den er im Selbstverlag herausgegeben hat, auf der Buchmesse. Und auch da ist er Realist: „Ich glaube nicht, dass es der Hit wird, den jeder Zweite lesen möchte.“ Aber das war auch nicht das Anliegen. „Durch das Schreiben konnte ich meine Gedanken sortieren. Jetzt, wo ich sie niedergeschrieben habe, kann ich sie ad acta legen.“  

Martin Eckert: Malus. Die fatale Intelligenz. ISBN 978-3-00-053071-5

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erstellt am 20.Okt.2016 | 10:00 Uhr

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