Ludwigslust : Vom Deutsch-Schüler zum Lehrer

Ninos Toma (stehend) unterrichtet auch seine Landsleute Amer Alyasin, Bshar Almllah und Yasin Almllah (v.l.n.r.) in Deutsch.
Ninos Toma (stehend) unterrichtet auch seine Landsleute Amer Alyasin, Bshar Almllah und Yasin Almllah (v.l.n.r.) in Deutsch.

Junger Syrer unterrichtet an Kreisvolkshochschule andere Flüchtlinge. Vor drei Jahren kam Ninos Toma nach Deutschland

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18. August 2015, 07:00 Uhr

„Er ist kommt aus Syrien.“ Amer Alyasin hatte sich wirklich konzentriert und trotzdem konnte sich in seinen Satz ein kleiner Fehler einschleichen. Lehrer Ninos Toma korrigiert: „Es muss heißen: Er kommt aus Syrien. Wir brauchen nur ein Verb.“ Jetzt fällt es auch Amer auf. Er spricht den Satz noch einmal, und nun ist alles richtig.

Ninos Toma weiß genau, wie schwer es seine Schüler im Deutsch-Anfängerkurs an der Kreisvolkshochschule Ludwigslust-Parchim haben. Zwei Jahre ist es erst her, dass er dort selbst die Schulbank gedrückt hatte, um nach seiner Flucht aus der syrischen Heimat die deutsche Sprache zu erlernen. Und nun steht er selbst vor einer Klasse, um sie Landsleuten und anderen Flüchtlingen und Zuwanderern beizubringen. Seit gut einem Monat ist Ninos Toma als pädagogischer Mitarbeiter bei der Kreisvolkshochschule angestellt.

Ninos Toma stammt aus dem Nordosten Syriens, aus der Nähe von Hasaka. Dort hatte er zwölf Jahre lang die Schule besucht, das Abitur gemacht und Lehramt studiert. 2012 flüchtete er vor dem Krieg – über die Türkei und Griechenland bis nach Deutschland. Mit Sorge verfolgt er die Meldungen aus Syrien. „Vor vier Monaten hatte ich zum Beispiel bei Facebook gelesen, dass die IS in einem Dorf ganz in der Nähe meines Heimatortes 250 Menschen als Geiseln genommen hatte. Ich habe dann gleich meine Familie angerufen“, erzählt der 28-Jährige mit belegter Stimme. Er knetet seine Hände, die Augen werden glasig. „Solche Situationen sind für mich sehr schwierig.“

Ninos Toma hat die deutsche Sprache schnell gelernt. Er hat bereits das C1-Zertifikat, die zweithöchste Stufe, in der Tasche. Doch er will mehr. „Ich möchte so sprechen wie die Deutschen“, sagt der junge Mann, der in einer Wohnung in Ludwigslust lebt. Dass er zwei Jahre nach seinem Deutsch-Kurs selbst unterrichten würde, hätte er nie gedacht. „Ich wollte Deutsch lernen, um irgendeine Arbeit finden zu können.“

Als Mitarbeiter der Kreisvolkshochschule gibt der junge Syrer nicht nur Deutsch-Anfängerkurse. Er lehrt auch Arabisch, organisiert andere Lehrgänge, hilft bei Anmeldung und Anträgen auf Kostenübernahme und ist auch sonst für viele Flüchtlinge ein gefragter Ansprechpartner. „Viele sind erleichtert, wenn jemand da ist, der mit ihnen Arabisch sprechen kann“, sagt Ninos Toma. Zumal die deutsche Bürokratie für die Flüchtlinge ungewohnt sei. „Bürokratie gibt es in Syrien auch. Aber dort wird alles am Telefon geklärt, und man bekommt nicht jede Woche einen Brief…“

Für die Kreisvolkshochschule ist der junge Syrer ein Gewinn. „Herr Toma ist eine sehr große Hilfe für uns. Ohne einen Mitarbeiter mit Arabisch-Kenntnissen wären wir zurzeit aufgeschmissen“, sagt KVHS-Leiterin Sylvia Voll.

Als Ninos Toma vor drei Jahren Syrien verließ, war für ihn  klar, dass er zurückkehrt, sobald die Lage es zulässt. Doch inzwischen fühlt er sich auch in Deutschland sehr wohl. Würde er bleiben, wenn er könnte? „Das habe ich noch nicht entschieden“, sagt der 28-Jährige.

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