Ludwigslust : „Viel lieber arbeiten als lernen“

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Die 10 BR 1 aus Ludwigslust auf ihrem Weg zur Berufsreife / SVZ besucht Josi, die am Praktischen Tag beim Wachschutz arbeitet

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21. November 2014, 17:07 Uhr

Ein halbes Jahr noch – dann könnte Josi zu den wenigen Schülern im Kreis gehören, die die Förderschule mit Berufsreife verlassen. Josi, 16 Jahre alt, besucht die 10 BR1 der Pestalozzi-Schule in Ludwigslust. Gemeinsam mit zehn anderen Schülern lernt sie hier in einem zusätzlichen zehnten Schuljahr für den Hauptschulabschluss. SVZ begleitet die Klasse bis zur Zeugnisübergabe. Beim ersten Treffen im Oktober berichteten die Mädchen und Jungen über ihre Pläne und Wünsche. Josi weiß schon sehr genau, was sie will. Ihr Vater arbeitet beim Wachschutz. Vor zwei Jahren hatte er seiner Tochter ein Schülerpraktikum bei seinem Arbeitgeber vermittelt. Drei Wochen im Pförtnerhaus eines großen Hagenower Holzbetriebes. Josi hat das so gefallen, dass sie jetzt weiter hier arbeitet. Jeden Donnerstag alle zwei Wochen verbringt sie einen „Praktischen Tag“ bei der „Parchim Wacht“. „Ich freue mich jedes Mal auf diesen Donnerstag“, sagt sie. „Das ist tausend Mal besser, als für die Schule zu lernen.“ Die 16-Jährige ist schon so lange im Team, dass ihr der Kollege im Pförtnerhaus nicht viele Anweisungen geben muss. Selbstständig füllt sie Besucherscheine aus, notiert sich Ankunftszeit und Kennzeichen der vor der Schranke wartenden Transporter. Sie lässt die Fahrer per Knopfdruck die Toreinfahrt passieren und kontrolliert über die Monitore, ob die Lkw auch das laden, was sie geordert haben. Manchmal zeigen ihr die vielen Überwachungskameras auf dem Betriebsgelände, dass ein Fahrer vor dem falschen Bunker steht und die feinen Holzspäne statt die groben lädt. „Dann muss ich schnell raus und ihm helfen“, sagt Josi.

Acht Stunden dauert ihr Arbeitstag. Um 7 Uhr ist Arbeitsbeginn. Weil die Anfahrt von ihrem Heimatort Bockup lang ist, reist sie manchmal schon am Abend davor an und übernachtet in Hagenow im Internat. „Anfangs habe ich mich dort ganz schön allein gefühlt“, sagt sie. „Aber inzwischen ist das okay so.“ Die Kollegen schätzen ihre Zuverlässigkeit. „Sie weiß genau, dass man sich hier keine Fehler erlauben darf“, sagt ein Wachmann. Ihre Vorgesetzte Andrea Völker, Büroleiterin bei der „Parchim Wacht“, fragt oft nach Josis Wünschen. „Wenn sie will, kann sie auch mal den Betrieb wechseln oder in unserer Notruf-Zentrale in Parchim arbeiten“, sagt sie. Josis größter Wunsch, nachts mit auf Streife zu fahren, bleibt ihr noch verwehrt. „Dazu ist sie noch zu jung“, sagt Andrea Völker. „Das könnte sie machen, wenn sie später ihren praktischen Teil der Ausbildung bei uns absolvieren würde.“ Drei Jahre dauert die Ausbildung zur „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“. Josi müsste sich dazu im Ausbildungszentrum in Schwerin bewerben.

Den Schulabschluss, da ist sich ihre Klassenlehrerin Kathrin Rakow sicher, schafft Josi ohne Probleme. „Sie gehört zu den Leistungsstarken in der Klasse. Sie kann viel mehr, als sie nach außen zugibt“, sagt die Lehrerin.

Noch üben die Schüler im Unterricht, Bewerbungen zu schreiben. Mit dem Halbjahreszeugnis Ende Januar wird es dann ernst. „Nicht alle sind da so zielstrebig wie Josi“, sagt Rakow. Gefragt sei hier auch das Elternhaus. „Wir können die Schüler gut auf den Schulabschluss vorbereiten. Aber für die Lehre aktiv werden müssen sie selbst.“

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