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Ludwigsluster Tageblatt

20. November 2017 | 01:40 Uhr

neustadt-glewe : Versteckte Delikatessen

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Wovon Unkundige lieber ihre Finger lassen - das wird bei Hannelore Michael zu leckeren Pilzgerichten verarbeitet

Täubling oder Milchling? Hannelore Michael ist sich nicht sicher. „Das haben wir gleich“, sagt sie und zückt ihr Pilzmesser. Gekonnt zieht sie damit die Huthaut ab, steckt sich ein winziges Pilzstück in den Mund, spuckt es dann wieder aus und sagt: „Das ist der kratzende Kammtäubling. Den spürt man bis ganz hinten im Hals.“ Sicherheitshalber dreht sie sich noch einmal um. „Stehen denn hier irgendwo Eichen?“ Sie entdeckt eine und liefert damit noch einen Beweis: „Kratzende Kammtäublinge wachsen nur in Eichennähe.“

So lange sie denken kann, spielen Pilze in Hannelore Michaels’ Leben eine Rolle. Nach dem Krieg hat sie die Mutter oft mit in den Wald genommen. „Wir kamen als Vertriebene hierher. Damals waren die Grundnahrungsmittel knapp. Da gab es in den Pilzmonaten natürlich Pilze zu essen.“ Später als Jugendliche ist sie oft allein mit dem Fahrrad los – immer auf der Suche nach den richtigen Pilzplätzen.

Auch heute fährt die inzwischen 70-Jährige jede Woche mit dem Auto in die Wälder. Sie weiß, wo Anis-Champignons wachsen und wo man echte Pfifferlinge findet. Habichtspilze zum Beispiel wachsen nur in Grabow, auch die seltenen giftigen Grünlinge, die Pilz-Experten oft für ihre Ausstellungen benötigen, findet man dort. Perlpilze sammelt Hannelore Michael überall. „An die trauen sich die Leute nicht heran“, sagt sie. Ihr Glück. „Denn richtig zubereitet schmecken sie nämlich sehr lecker.“

Pilze machen süchtig – findet Hannelore Michael. Nicht nur, weil sie immer wieder gerne Pilze isst. Sie will auch immer mehr darüber wissen, liest viel Fachliteratur, tauscht sich mit Experten aus, gestaltet Ausstellungen mit und hilft bei der Kartierung bestimmter Pilzarten.

Seit 30 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich als Pilzberaterin und gehört zu den 45 offiziellen Beratern, die in Mecklenburg-Vorpommern für die Gesundheitsämter tätig sind. Im vergangenen Jahr haben sie bei 5300 Beratungen etwa 340 stark giftige Pilze, darunter 43 Grüne Knollenblätterpilze, 142 Pantherpilze, 19 Ziegelrote Risspilze, sechs Frühjahrsmorcheln und 130 Gifthäublinge aussortiert.

Diese Pilzsaison läuft schleppender an als im Vorjahr. „Der Sommer war lange zu trocken“, sagt Hannelore Michael. Erst jetzt, nach den jüngsten Regenfällen, wachsen die Pilze. In nur einer Stunde hat die 70-Jährige gestern Sommersteinpilze, Birkenpilze, Schmerlinge, Rotfußröhrlinge und Pfifferlinge gefunden. Zutaten für eine leckere Mischpilzpfanne. Am liebsten aber isst sie den flockenstiligen Hexenröhrling. „Ein Pilz, der wirklich hexen kann“, erzählt sie. Die Pilze werden beim Putzen ganz blau. Wäscht man sie, verfärbt sich sogar das Wasser. Landen sie dann aber in der Pfanne, werden sie wieder ganz gelb.“

Unzählige Pilzsucher hat Hannelore Michael in all den Jahren beraten. Die meisten rufen kurz an, bevor sie mit ihren Pilzkörben vorbeikommen. „Wenn dann ein sehr giftiger Pilz darunter war, wussten es die Leute selbst und wollten es von mir nur bestätigt haben“, sagt sie. Einmal habe ein Mann nach einer Pfifferlingsmahlzeit bei ihr angerufen. Er klagte über starke Bauchschmerzen und glaubte, giftige Pfifferlinge verspeist zu haben. Hannelore Michael konnte ihn beruhigen: „Es gibt keine giftigen Pfifferlinge. Sie haben einfach zu viele davon gegessen.“ Pilze enthalten das schwer verdauliche Chitin. Deshalb sollte man sie nie in großen Mengen essen.

 

 

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