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Ludwigsluster Tageblatt

24. Juni 2017 | 14:09 Uhr

Ludwigslust : Verfolgt von den Taliban

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Ehemaliger afghanischer US-Dolmetscher fand mit seinem Bruder Zuflucht in Deutschland / Dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhalten

Abdul Hadi Hashimi hat als Dolmetscher für die ISAF-Truppen* in Afghanistan gearbeitet. Vor allem für die Amerikaner, aber auch für die Kanadier. Als das Mandat der Truppe endete, war auch für den jetzt 31-Jährigen der Dienst beendet. Auch wenn die internationale Gemeinschaft die wesentlich kleinere Nachfolgemission „Resolute Support“ aufgelegt hat, ist die Lage in dem Land am Hindukusch keineswegs sicherer geworden. Hadi sollte das nur allzu bald erfahren. Die Taliban meldeten sich, wollten den jungen Mann dazu zwingen, sein Wissen aus dem Dienst mit ihnen zu teilen.

Als das nichts half, wurden sie rabiater. Kämpfer kidnappten seinen Bruder. Die Familie musste ein hohes Lösegeld aufbringen, ihn wieder freizubekommen. Morddrohungen folgten. Schließlich beschloss die Familie: Hadi muss fliehen. Die Amerikaner zeigten sich bereit, etwas für ihren ehemaligen Angestellten zu tun. Der Kabuler hätte sofort US-Passdokumente bekommen können. Aber da war der kranke Bruder, der in Deutschland viel besser behandelt werden kann als in den „Staaten“.

Seit Mai 2015 ist Hadi in Deutschland. Gerade hat er bestätigt bekommen, hier dauerhaftes Aufenthaltsrecht zu genießen. Der Afghane hat ein Jahr lang Bundesfreiwilligendienst versehen, sich in diesem Zusammenhang beim christlichen Ludwigsluster Verein „Fels in der Brandung“ für Flüchtlinge eingesetzt. Seine Sprachkenntnisse helfen ungemein. Hadi spricht nicht nur das Dari seiner Heimat, sondern auch Farsi, die persische Sprache (beide ähneln sich sehr), und natürlich fließend Englisch. Der Moslem ist Christ geworden. Als solcher hat man eine größere Chance auf Bleiberecht. „Den Behörden gegenüber so zu tun, als sei man Christ, ist nicht so einfach“, sagt Gerhard Lewerenz. Der frühere Pastor ist einer der Vertretungsberechtigten des Vereins „Fels in der Brandung“.

Man müsse schon grundlegende Kenntnisse der christlichen Religion nachweisen: Wie lautet das Vaterunser? Wie viele Jünger hatte Jesus Christus? Wer hat Jesus getauft und wo? … Abdul Hadi Hashimi will nicht nur religiös im Abendland ankommen. „Zunächst möchte ich meine Verlobte, die Englischlehrerin ist, zu mir holen und dann eine Ausbildung machen“, sagt er. Momentan wohnt der junge Mann noch in der Flüchtlingsunterkunft. Gerhard Lewerenz hilft ihm dabei, eine Wohnung zu finden. Hadis Heimatstadt Kabul bleibt trotzdem immer präsent. Gerade ist seine liebste Cousine, eine Ärztin, beim Angriff der Taliban auf ein Krankenhaus gestorben. Seine Augen bekommen einen feuchten Glanz, als er davon spricht.

 

* ISAF (International Security Assistance Force) war eine internationale Schutztruppe, die bis zum 31. Dezember 2014 den Wiederaufbau in Afghanistan absicherte.

 

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erstellt am 20.Mai.2017 | 07:00 Uhr

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