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Ludwigsluster Tageblatt

25. November 2017 | 07:05 Uhr

Ludwigslust : Vereint im Willen zum Aufbruch

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Mehr als tausend Menschen kamen zum ersten Friedensgebet am 26. Oktober 1989 in die Stadtkirche Ludwigslust

Die Stadtkirche in Ludwigslust war an diesem Abend voller Menschen. „Es waren weit über tausend Leute da. Sie standen auf den Treppen, auf den Säulen“, erinnert sich Pastor Wilfried Romberg. Es war der 26. Oktober 1989. Eine Woche zuvor hatten sich rund 600 Menschen zum ersten Friedensgebet in der Stiftskirche eingefunden. „In der Stadtkirche durfte an diesem Abend normalerweise nicht fotografiert werden“, so Pastor Romberg. „Aber Volker Jennerjahn hielt das Geschehen damals mit der Kamera fest, und das nicht nur in Schwarz-weiß, sondern auch in Farbe“, so Wilfried Romberg. Er sitzt in seinem Wohnzimmer mit Zeitzeugen Hans-Jürgen Zimmermann am Tisch und schaut sich die Aufnahme an, die der Fotograf an jenem Abend gemacht hat. „Von Volker Jennerjahn haben wir dann später noch zwei andere Fotos zur Erinnerung an dieses Ereignis bekommen“, so Pastor Romberg.

„Am Abend der Proteste“, so Volker Jennerjahn, „beeindruckte mich unter anderem das Gebet des russischen Offiziers, der dafür dankte, dass er nicht auf die Demonstranten in Ludwigslust schießen musste. Jahre zuvor war von den sowjetischen Soldaten noch ein angeblicher amerikanischer Spion in Lulu erschossen worden. Ein Foto von diesem betenden Soldaten habe ich auf der Homepage.“

Interessant ist für ihn im Rückblick, dass die Stasi in Lulu ihre Dokumente in Ruhe vernichten konnte, weil die Bürgerbewegten ihre Anzeige, ohne es zu wissen, an einen Staatsanwalt gegeben hatten, der jedoch selber bei der Stasi war. Auch die Telefonüberwachung in der Post konnte in aller Ruhe die Tonbänder beiseite schaffen.

„Gut und nachhaltig war, dass wir kurz danach die Grundlagen für die kommunale Selbstverwaltung schaffen konnten, die SPD, die AWO und den Deutschen Mieterbund in Lulu gründeten“, erinnert sich Zeitzeuge Jennerjahn. „Das Besondere für mich an diesen Fotos ist, dass im Oktober 1989 die mutigen Demonstranten zeigten: ,Mecklenburger haben einen Arsch in der Hose!’ Das war damals auch gut für unser Selbstwertgefühl, denn es machte das Herz weit und die Sinne hoffnungsfroh.“ Weitere Dokumente und Fotos jener Zeit finden sich auf seiner Homepage http://jennus.beepworld.de/staatssicherheit.htm.

„So groß wie es damals an jenem 26. Oktober war, wollten wir es auf Dauer nicht mehr machen. So fanden dann die nächsten Friedensgebete an den kommenden Donnerstagen um 18 und um 20 Uhr statt“, so Pastor Romberg.

Das erste Friedensgebet in der Stadtkirche Ludwigslust war erfüllt von eine einzigartigen Atmosphäre. Die Menschen einte der Wille zum Aufbruch, zur Veränderung. „Wichtig war, dass sich viele getraut haben, Dinge in großem Rahmen zu sagen, was die Menschen schon lange bedrückt hatte. Viele mussten jahrelang warten, um eine Wohnung zu bekommen, der allgegenwärtige Kontrollzwang im Alltag war bedrückend und belastend. Die Post von Verwandten aus Westdeutschland wurde kontrolliert, die Kinder wurden in der Schule gezielt gefragt, welche Fernsehsender sie gesehen hätten. Vieles wurden an diesem Abend angesprochen, mutig und frei. Obwohl wir damit rechnen mussten, dass Leute von der Stasi mit dabei waren.“

Das oben stehende Foto von Volker Jennerjahn ist groß als Bild in der Stadtkirche Ludwigslust aufgehängt. Dort, wo am Sonntag um 10 Uhr in einem Gottesdienst dem ersten Friedensgebet vor 25 Jahren gedacht wird.

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