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Ludwigsluster Tageblatt

24. November 2017 | 14:14 Uhr

Wöbbelin : „Und dann weinte der Soldat...“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Salomon Birenbaum erlebte als Häftling 1945 die Befreiung des KZ Wöbbelin / Seit 15 Jahren kehrt er immer im Mai zurück

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erstellt am 01.Mai.2015 | 21:00 Uhr

Er trägt einen grauen Anzug, den Hemdkragen darunter hat er aufgeknöpft. Er lächelt in die Kamera. Wer Salomon Birenbaum begegnet und sich mit ihm unterhält, sieht einen sympathischen Mann vor sich, mit 88 schon etwas in die Jahre gekommen, aber mit klarem Blick und ebenso klarer Stimme. Dass er sich mit Deutschen so zwanglos unterhalten kann – es ist keine Selbstverständlichkeit. Denn Salomon Birenbaum hat Auschwitz und Sachsenhausen überlebt – deutsche Konzentrationslager, in denen Menschen unglaubliches Leid zugefügt wurde, sie ermordet wurden, verhungerten oder an den erlittenen Qualen starben.

Salomon Birenbaum ist an diesem Wochenende mit anderen ehemaligen Häftlingen nach Wöbbelin zurückgekehrt. So, wie er es seit dem Jahre 2000 immer Anfang Mai tut. Dorthin zurückgekehrt, wo er Anfang Mai 1945 seine Befreiung erlebte.

„Nach Irrfahrten im Zug kamen wir Häftlinge im April 1945 in Wöbbelin an“, erinnert sich Birenbaum. „In diesen ein bis zwei Wochen bis Anfang Mai in Wöbbelin war manches anders, als ich es in den Konzentrationslagern zuvor erlebt hatte. Es gab keine Appelle mehr, irgendwie herrschte ein Durcheinander. Es war wohl am 1. Mai, als ich im Lager keine Wachen mehr sah. Zusammen mit einem Freund kroch ich unter dem Stacheldrahtzaun hindurch in die Freiheit.“ Weit allerdings kamen beide zunächst nicht. Birenbaum: „Plötzlich rief uns jemand in der Nähe auf deutsch an: ,Hände hoch!’ Wir sahen einen Soldaten mit Stahlhelm und einem Maschinengewehr, waren natürlich erschrocken. Wir sagten ihm, dass wir Juden seien und aus dem Konzentrationslager kämen.“

Noch heute erinnert sich Salomon Birenbaum genau, was plötzlich geschah: „Und dann weinte der Soldat, sagte, er habe nicht gewusst, dass hier ein KZ sei. Dann sahen wir, dass er ein Amerikaner war.“ Es stellte sich heraus, dass der Soldat als deutscher Jude vor dem Krieg aus Deutschland in die USA emigriert war. „Der Soldat sagte uns, dass wir in die nächste Stadt gehen könnten. Es war Ludwigslust“, so Birenbaum.

Über zum Teil abenteuerliche Wege, zuletzt auf dem Dach eines Zuges, gelangte Salomon Birenbaum am 15. Mai 1945 ins polnische Radom, seine Geburtsstadt. Wenige Tage später konnte er seine Mutter umarmen, die im KZ Theresienstadt befreit worden war. Zusammen mit der Mutter und seinem jüngeren Bruder war Salomon Birenbaum im Juni 1944 ins KZ Auschwitz- Birkenau transportiert worden. Hier wurden Mutter und Söhne getrennt. Den Bruder hat Salomon nie wieder gesehen...

Im Jahre 1946 schließlich kehrte auch Salomons Vater nach Polen zurück. Er war als Angehöriger der polnischen Armee in sowjetische Gefangenschaft geraten, nachdem die Rote Armee Mitte September 1939 in Ostpolen einmarschiert war. „Dass in einer jüdischen Familie drei von vier Mitgliedern überlebten, war wie ein Wunder“, sagt Salomon Birenbaum heute.

Und er sagt auch, ihm sei damals nicht ganz klar gewesen, ob Deutsche eigentlich Menschen seien. Doch dann habe er auch von anderen Deutschen gehört, die Menschen vor dem Tod retteten.

Seine ersten Kontakte nach dem Krieg (Birenbaum beendete 1958 sein Studium als Maschinenbauingenieur) mit Deutschen seien beruflicher Natur gewesen. Auf der Leipziger Messe habe es Verhandlungen mit einer DDR-Firma gegeben. Ausschlaggebend dafür, nach Wöbbelin zurückzukehren, sei die Begegnung mit Leonard Linton gewesen, der 1945 als Angehöriger der 82. US-Luftlandedivision die Militärgewalt in Ludwigslust übernommen hatte und zur Normalisierung des Lebens in der Stadt beitrug. Linton (1922-2005) war im Jahre 2000 die Ehrenbürgerwürde Ludwigslusts verliehen worden.

Salomon Birenbaum wird heute um 12 Uhr mit anderen Überlebenden des KZ Wöbbelin sowie Verwandten ehemaliger Häftlinge an der zentralen Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte des ehemaligen Lagergeländes an der B 106 teilnehmen und damit an jenen Ort zurückkehren, wo er vor 70 Jahren unter dem Stacheldraht hindurch in die Freiheit gelangte.

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